Kindsein in Scientology – kleine Erwachsene mit keiner Kindheit

Scientology kennt keine spezielle Kindererziehung. Im scientologischem Sinne sind Kinder kleine Erwachsene. Dies kann zu einer geistigen und psychischen Überforderung der Kinder und Jugendlichen führen. In einer scientologischen Broschüre über die Methoden und Ziele der scientologischen Kinderziehung werden diese in einem Vorwort näher dargestellt. „Kinder zu erziehen soll eine Freude sein. Und es kann eine Freude sein. Es kann tatsächlich eine der befriedigsten aller menschlichen Erfahrungen sein. Mit der Anwendung von Scientology-Prinzipien auf das Großziehen von Kindern kann sichergestellt werden, dass sie glücklich, liebevoll und produktiv sind und daß sie zu geschätzten Mitgliedern dieser Gesellschaft werden, in der sie leben.“(2)

Scientology will einen liebevollen, glücklichen und produktiven Menschen schaffen. Nach meiner Meinung erreicht Scientology genau das Gegenteil, einen kritiklosen, emotionslosen, manipulierbaren und nicht selbständig denkenden Menschen.

Die scientologische Definition von Kindern befindet sich ebenfalls in der oben beschriebenen Broschüre. Sie lautet: „Kinder sind nicht Hunde. Sie können nicht wie Hunde dressiert werden. Sie sind nicht kontrollierbare Dinge. Sie sind, lassen Sie uns diesen Punkt nicht übersehen, Männer und Frauen. Ein Kind ist nicht eine spezielle Tierart, die sich vom Menschen unterscheidet. Ein Kind ist ein Mann oder eine Frau, der bzw. die nicht voll ausgewachsen ist. Jedes Gesetz, das auf das Verhalten von Männern und Frauen zutrifft gilt auch für Kinder.“(3)

Eine ähnliche Definition befindet sich in dem Buch „Kinder-Dianetik“, das die Inhalte des Buches Dianetik auf Kinder überträgt.(4)

Die Hauptziele der Kinder-Dianetik sind, Engramme (negative Informationen auf der „Zeitspur“, die einen Menschen in der jetzigen Zeit hemmen) zu löschen und dafür zu sorgen, dass sie gar nicht erst entstehen können. Deswegen soll die Dianetik im Alltag im täglichen Umgang mit dem „kleinen Erwachsenen“ angewendet werden.

Das entstehen von Engrammen zu verhindern, beginnt schon vor bzw. während der Geburt.„Die Menschen haben im Normalfall vorgeburtliche Engramme in großer Zahl. Sie können mehr als zweihundert haben. Und jedes davon ist aberrierend (Anm. Verf. Scientologisches Wort für störend, hemmend. im  sehr negativen Sinne, wird auch als Begriff für Geisteskranke und als scientologisches Schimpfwort benutzt, alles was nicht für Scientology ist, ist aberrierend). Jedes enthält Schmerz und Bewusstlosigkeit.“(5)

Aufgrund dessen soll bei einer schwangeren Frau, die sich verletzt hat, nicht gesprochen werden, damit sich bei dem ungeborenen Kind kein Engramm festsetzen kann.

„Aber wenn bekannt ist, daß jede Verletzung der Mutter bei dem ungeborenen Kind ein Engramm erzeugen kann, dann sollten alle, die im Fall einer solchen Verletzung anwesend sind, die Mutter eingeschlossen, Sorge dafür tragen, daß absolute Stille bewahrt wird.“(6) Dieses gilt auch während der Geburt.(7)

Unmittelbar nach der Geburt soll das Kind der Mutter auf dem Bauch gelegt werden. Nach der Durchtrennung der Nabelschnur soll das Kind liebkost und gestillt werden,(8) obwohl Scientology das Stillen von Babys eigentlich ablehnt. „Die bedeutendste Ursache für Verstimmungen im frühen Leben eines Kindes ist einfach die Verpflegung. Man gibt dem Baby wohl zu essen. Aber was? Schrecklich schmeckende Milchpulverlösungen mit viel Kohlehydraten oder magere Muttermilch einer überarbeiteten Mutter.“(9) Scientology hat auch gleich die Antwort parat, was ein Scientologe seinem Säugling und Kleinkind zu essen geben soll. Ein „ca. 2.200 Jahre altes römisches Gerstenrezept“, was der Muttermilch am ähnlichsten sein soll, ist die Babynahrung eines scientologischen Kindes. Die Nahrung besteht aus einem Brei von Gerstenwasser, homogenisierter Milch und Stärkesirup aus Mais.(10) Ein scientologisches Kind hat keine Chance, die Nähe seiner Mutter beim Stillen zu fühlen. Dieses klammert Scientology von vornherein für dieses Kind aus.

Wird das Kind älter, wird es darauf trainiert, zugänglich für die späteren Auditing-Sitzungen zu werden. Dafür wird bei einer Verletzung eines kleineren Kindes Beistand (scientologisch Assist) geleistet. Die eigentliche Aufgabe des Beistandes ist, irgend etwas zu tun, was eine gegenwärtige Beschwerde des Kindes lindert.(11)

Bei der Verletzung eines kleinen Kindes soll nicht gesprochen bzw. getröstet werden, sondern das Kind soll weinen, bis es wieder zu lachen beginnt. „Man kann vieles tun, um einem Kind zu helfen, das hingefallen ist, sich eine kleinere Schnittwunde oder etwas ähnliches zugezogen hat. Bei kleineren Kindern scheint es manchmal genug zu sein, sie einfach ausweinen zu lassen. Wenn ein Kind verletzt ist, werden sich die meisten Leute dabei ertappen, dass sie – fast bevor es ihnen selbst bewußt ist – beruhigende und tröstende Worte sprechen. Und sie werden gewöhnlich das sagen, was sie schon hundertmal gesagt haben, als das Kind verletzt war. Dies erinnert das Kind an die ganze Kette von früheren Verletzungen. Eltern können einem Kind am meisten helfen, indem sie nichts sagen… Schweigen bedeutet nicht, dass man keine Zuneigung empfindet oder ausdrückt. Man kann den Arm um das Kind legen oder es halten, wenn es das möchte. Wenn nichts gesprochen wird, wird ein kleines Kind oft ungefähr eine Minute lang heftig weinen und dann plötzlich aufhören, lächeln und zu der Sache zurücklaufen, bei der es gerade war. Wenn man dem Kind erlaubt zu weinen, scheint sich die Spannung, die von der Verletzung herstammt, zu lösen, und ein Beistand ist in diesem Fall nicht erforderlich. Tatsächlich ist es oft sehr schwierig, ein Kind zu veranlassen, zu dem Moment der Verletzung zurückzukehren, wenn es die Spannung auf diese Weise freigesetzt hat“(12)

Grundsätzlich soll also durch das Schweigen verhindert werden, dass bei dem Kind Engramme entstehen bzw. sich ein Lock entwickeln kann. Ein zweites Ereignis, das das Kind an ein Engramm erinnert, wird Secondary genannt. Jedes weitere Ereignis, was das Kind an den Moment des Schmerzes erinnert, wird Lock genannt. Diese drei Umstände bilden Ketten, die aus vielen Bild- und Emotionsinformationen bestehen. In diesen Ketten sind nach Hubbard Energien gespeichert, die dem Menschen in der Gegenwart fehlen.

Bei älteren Kindern – ab fünf Jahren – soll jedoch normalerweise ein Beistand (Assist) geleistet werden aber auch bei jüngeren Kindern, wenn diese schon eine Lock-Kette besitzen.(13)Dieser Beistand ähnelt nach meiner Meinung dem Auditing. Ein Beispiel für einen solchen Beistand findet sich in dem Auszug aus dem Scientology Handbuch: Kinder. „Wenn das Kind nicht mehr benommen ist, fragen Sie es: `Was ist passiert? Wie hast du dir weh getan? Erzähl mir darüber.´ Wenn es beginnt darüber zu erzählen, stellen Sie es auf die Gegenwart um, falls es die Geschichte von sich aus nicht in der Gegenwart erzählt. Versuchen Sie es auf diese Weise:

`Nun – ich stand auf einem großen Felsen und dann bin ich ausgerutscht und hingefallen und…´ (Weinen)

`Tut es weh, wenn du auf dem Felsen stehst?´

`Nein.´

`Was passiert, wenn du auf dem Felsen stehst?´

`Ich rutsche aus…´ (Weinen)

`Was passiert dann?´

`Ich falle auf den Boden.´

`Ist da Gras auf dem Boden?´

`Nein-es ist ganz sandig.´

`Erzähl mir noch einmal darüber.´

Sie können das Kind mehrere Male durch das Geschehnis durchgehen lassen, bis es ihm langweilig wird oder bis es lacht.“(14) Das Verfahren des Beistandes soll verhindern, das sich Locks und Secondaries bilden.

Hat sich bei dem Kind schon eine Lock-Kette gebildet und diese soll gelöscht werden, dann wird das Verfahren der Erinnerung angewendet. Das Kind soll an andere Gegebenheiten erinnert werden, die es mit der momentanen schmerzhaften Situation in Verbindung bringt und durch diese so lange hindurchgehen, bis das Kind anfängt zu lachen bzw. es ihm wieder langweilig wird. Diese Lock-Kette ist daraufhin, wie bei einem Auditing, gelöscht. „Das Kind auffordern, sich zu erinnern, kann in Hunderten von Situationen verwendet werden, die sich täglich ereignen: immer wenn das Kind mürrisch oder unglücklich ist und über etwas weint; wenn es sich leicht krank fühlt; wenn es offensichtlich durch etwas restimuliert worden ist; wenn es eine Dramatisation (ein erneutes Abspielen in der Gegenwart von etwas, das in der Vergangenheit geschehen ist) mit angehört hat oder es jemand schwer bestraft oder dem Kind gegenüber etwas dramatisiert hat; wenn es sich zurückgewiesen fühlt – in der Tat jedesmal, wenn ein Kind aus irgendeinem Grund unglücklich oder ängstlich ist oder Sie wissen, dass es ein sehr restimulierendes Erlebnis gehabt hat… Diese Technik kann natürlich erst dann verwendet werden, wenn das Kind ausreichend sprechen gelernt hat, um einen zusammenhängenden Bericht darüber zu geben, was es denkt und fühlt. Wenn sich das Kind unwohl (nicht ernsthaft krank) fühlt, können Sie damit beginnen, indem Sie es fragen, wann es sich früher schon einmal so gefühlt hat. Normalerweise wird sich ein Kind daran erinnern. Wenn Sie dann weitere Fragen darüber stellen, was geschah, was es zu jener Zeit tat, wer gesprochen hat, was gesagt wurde, wie es sich fühlte, dann wird es die Szene anschaulich beschreiben. Wenn das Kind dies tut, lassen Sie es einfach einige Male durch das Geschehnis hindurchgehen… Aber seien Sie nicht allzu mitfühlend. Zeigen Sie Zuneigung und Interesse – ja. Aber Sie dürfen nicht sentimental werden und in jammerndem Ton Sätze wie `Armes Baby, armes kleines Ding!´ sagen. Dies könnte bewirken, daß das Kind die Verletzung oder Verstimmung als wertvoll erachtet, weil sie bewirkt hat, daß es spezielle Aufmerksamkeit und Mitleid erhielt.“(15) Weiter hinten in der Broschüre heißt es dann: „Lassen Sie das Kind sich das Geschehnis einige Male zurückrufen, bis es lacht. Dies wird das Kind von der Restimulation befreien.“(16)

Das eigentliche Ziel im Umgang mit Kindern ist also, die Verhütung von Engrammen beim ungeboren Kind, das Durchführen von Assist bzw. Beistand bei leichteren Verletzungen und das Entfernen von Locks mit Hilfe der Erinnerung. Dieses ist eine klare Vorbereitung der Kinder auf das Auditing, bzw. ähneln diese Verfahren schon sehr dem Auditing. Kurt-Helmuth Eimuth sieht in den oben beschriebenem Verfahren sogar eine Praktizierung des Auditings im täglichen Umgang mit dem Kinde, (17) da hier das Auditing in vereinfachter Weise in jeder Situation mit den Kindern durchgeführt wird.

L. Ron Hubbard gibt Anweisung, Auditing mit Kindern ab acht Jahren durchzuführen. Dies kann zu einer starken Überforderung der Kinder führen, da z.B. Erinnerungen an die eigene Geburt bzw. an vorherige Leben zusätzlich zu dem Alltag eines scientologischen Kindes gehören. Wenn ich mir überlege, welche Überforderung bei einem erwachsenen Menschen durch die eigenen Gefühle und Gedanken entstehen, und diese für Erwachsene kaum zu verarbeiten sind, ist dieses für ein Kind um so schwerer zu verstehen, bzw. zu bewältigen.

In dem Buch „Die Sekten-Kinder“ von Kurt- Helmuth Eimuth beschreibt eine Ex-Scientologin die Erfahrungen mit ihrem eigenen Sohn. „Zurück bleibt ein verstörtes, anpassungsunfähiges Kind, das Furcht hat, sich selbst kennenzulernen. Sie laufen u.U. mit einem übertriebenem Schuldkomplex herum, in der Vergangenheit wurden ja Verbrechen begangen, diese immer wieder anzuschauen (konfrontieren), um sie zum Verlöschen zu bringen und eine Erkenntnis daraus zu ziehen, dürfte dem Vorspielen eines endlosen Horror-Filmes gleichkommen.“(18)

Nach Kurt-Helmuth Eimuth verhindern die Erinnerung, das Auditing und das Konfrontieren die Identitätsbildung bei den Kindern, die mit der scientologischen Ideologie aufwachsen müssen. „Es ist jedoch augenscheinlich, dass eine Entwicklung zur eigenen Urteilsfähigkeit, zur alleinigen Entscheidung unmöglich gemacht wird. Ja es ist sogar zu vermuten, dass ähnlich, wie bei erwachsenen Mitgliedern, es massive Identitätsprobleme bis hin zur Identitätsvermischung mit pathogenen Zügen gibt.“(19)

Weiter sieht er bestimmte Indikatoren für die Identitätsprobleme bei den Kindern. Diese sind u.a.: Der Kommunikationskurs, der absolute genormte Verhaltensmuster von einem Kind abverlangt, das Auditing, die scientologische Kunstsprache, die Arbeit von Kindern für die Org bzw. Scientology und die fehlende Zeit der Eltern sich um die Bedürfnisse, besonders die emotionellen, durch ihre eigenen Aktivitäten und den vorgeschriebenen Umgang mit dem Kind haben, zu kümmern. Außerdem entwickeln sich die Kinder zu Außenseitern in der „normalen Welt“.(20) Durch dieses „außenstehen“ der Kinder werden sie immer enger in die scientologische Gedankenwelt hineinkatapultiert.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der scientologischen Kindererziehung ist, dass die Kinder einen „Beitrag“ leisten müssen. Diesen Beitrag leisten zu wollen, nach scientologischer Lehre, fängt schon im Säuglingsalter an. „Ein Baby leistet seinen Beitrag, indem es versucht, Sie zum Lächeln zu bringen. Das Baby wird sich zur Schau stellen. Wenn der Kleine ein bißchen älter ist, wird er für Sie tanzen, er bringt Ihnen Zweige und versucht, Ihre Arbeitsbewegungen nachzuahmen, um Ihnen zu helfen. Wenn Sie dieses Lächeln, diese Tänze, diese Zweige oder diese Arbeitsbewegungen nicht in dem Sinn annehmen, wie sie gegeben werden, haben Sie begonnen, den Beitrag des Kindes zu verweigern. Jetzt wird es anfangen, ängstlich zu werden. Es wird gedankenlose und seltsame Sachen mit ihrem Eigentum anstellen, in der Bemühung, es `besser´ für Sie zu machen. Sie schelten das Kind. Damit ist es aus mit ihm…. Sie können nicht mehr tun, als das Lächeln, die Tänze und die Zweige des sehr kleinen Kindes anzunehmen. Aber sobald das Kind es verstehen kann, sollte man ihm ausführlich erzählen, wie die Familie funktioniert.“(21)

Die Probleme, die ein Kind macht, liegen in dieser Betrachtungsweise ausnahmslos darin, dass das Kind in der Familie und somit in der Gesellschaft keinen Beitrag leisten durfte.

Scientology geht sogar soweit, dass sie die grundlegende Schwierigkeit der Jugendkriminalität in dem Verbot der Kinderarbeit begründet sieht.(22) Nach Scientology muss ein Kind in der Lage sein (Scientology formuliert es als die Pflicht des Kindes gegenüber den Eltern), für die Eltern zu sorgen.(23) „Indem man die Kinderarbeit verbietet und insbesondere indem man Jugendliche daran hindert, ihren eigenen Weg zu gehen und eigenes Geld zu verdienen, schafft man Schwierigkeiten in der Familie, so dass es fast unmöglich wird, eine Familie zu unterhalten. Und man erschafft beim Jugendlichen die Ansicht, dass ihn die Welt nicht will und dass er sein Spiel verloren hat, bevor es überhaupt begonnen hat… Das Kind jedoch, das mit drei oder vier Jahren gerne in dieser modernen Gesellschaft arbeiten würde, wird entmutigt und tatsächlich davon abgehalten. Es wird untätig gehalten bis zum siebten, achten oder neunten Lebensjahr und erhält dann plötzlich gewisse Pflichten… Als Teenager wird es später auf aktive Weise daran gehindert, irgendeine Art Job zu bekommen, der es ihm ermöglichen würde, Kleidung zu kaufen und die Zeche für seine Freunde zu bezahlen. Und so empfindet er allmählich, dass er nicht zur Gesellschaft gehört. Da er nicht Teil von der Gesellschaft ist, ist er nun gegen sie und wünscht sich nichts als destruktive Tätigkeiten.“(24) Scientology geht sogar so weit, dass ein Kind, was einen Beitrag leistet, aber die Rechte seiner Eltern verletzt, körperlich gemaßregelt werden kann. Dies soll keinen Schaden bei dem Kind hinterlassen, da das Kind trotzdem seinen Beitrag leisten kann. „Sie können bei einem Kind tatsächlich körperliche Maßnahmen ergreifen, um Ihre eigenen Rechte zu verteidigen, so lange es das besitzt, was es besitzt, und für Sie einen Beitrag leisten und für Sie arbeiten kann.“(25)

Das Fazit, was sich daraus ergibt ist, dass Kinder nur glücklich sein können, wenn sie einen Beitrag leisten, also arbeiten können bzw. dürfen. Wie diese Arbeit in der Praxis Scientologys aussieht wird im folgenden näher beschrieben. U.S. Sonntag berichtet über den Alltag von Kindern in Scientology-Zentren in Kopenhagen, München und England. Dort müssen die Kinder ein ähnliches Programm wie die Erwachsenen absolvieren. „Die Kinder dort hatten wie ihre Eltern einen festumrissenen Tagesablauf mit einem Punkteprogramm und einer Statistik, die jede Woche, donnerstags, vorgetragen wurde. Neben der Schule vollzogen die Kinder Dienstleistungen in der Organisation. Sie bekleideten Posten, vergleichbar der Registratur, stellten Akten für die Sitzungen bereit und leiteten sie weiter mit den dazugehörigen verwaltenden Schreibarbeiten. Sie waren Meldungsträger von einem Posten zum nächsten, brachten die Leute in die Sitzungen und `routeten´ sie weiter. Sie belegten speziell für diese Arbeiten dieselben Kurse wie die Erwachsenen, die ebenfalls darin u.U. ausgebildet wurden. Ebenfalls belegten sie auch schon Kurse, um Auditor zu werden, manch Zwölfjähriger konnte schon einen Erwachsenen auditieren und dabei u.U. mit allen möglichen Intimitäten, die dieser erzählte, konfrontiert werden. Freizeit gab es nicht.“(26) Dies bedeutet, dass die Kinder neben der Schule, falls sie noch auf eine Regelschule gehen, und der Arbeit für Scientology keine Zeit mehr für kindgerechte Unternehmungen haben.

Ähnlich ergeht es den Eltern, die ebenfalls einen sehr vollen Tagesablauf besitzen, in dem Buch „Die Sekten-Kinder“ von Kurt-Helmuth Eimuth wird von einem Ex-Scientologen beschrieben, wieviel Zeit er für seine Familie und somit auch für seine Kinder hatte. „Er (Daniel, ein Mann der mit sieben Jahren selbst durch seine Mutter zu Scientology gekommen ist; Anmerkung der Verfasserin) lebte später als Staff-Mitarbeiter in Kopenhagen. Um seine einjährige Tochter konnte er sich aufgrund der Arbeitsanforderungen nicht kümmern… Daniel Fumagalli erzählt: `Es gibt Kinderkrippen, da bringt man sie morgens hin und holt sie nachts wieder ab. Da hatten Eltern nach dem Nachtessen eine Stunde sogenannte Parents oder Familiy time.´ Später kam die Anweisung, die diesen wenigen, aber doch regelmäßigen Kontakt der Eltern zu ihren Kindern weiter einschränkte. Fumagalli: `Es gab da mal eine Anweisung, die besagte, dass für die family time eine Stunde am Tag nicht genug sei. Deshalb solle man besser in dieser Stunde viel produzieren und jeden zweiten Samstag einen Tag frei nehmen, welchen man dann in Ganzheit mit dem Kind verbringen kann. Also in anderen Worten: man sieht das Kind jede zweite Woche für einen Tag und halt nachts, wenn das Kind eh schläft.´“(27)

Somit obliegt die Erziehung des Kindes der Organisation und nicht mehr den Eltern, so dass es sich daraus zwangsläufig ergibt, dass Scientology den ganzen Tag lang die Kinder manipulieren kann. Gehen die Kinder nicht mehr zu einer normalen Regelschule, sondern zu einer scientologisch geführten Schule im nahen Ausland, lebt das Kind nur noch in der Scientology-Welt und hat keine Chance mehr, etwas anderes kennenzulernen. Scientology-Kinder müssen für die Organisation arbeiten, damit die Welt gerettet werden kann. Somit stehen diese Kinder unter einem starken Leistungsdruck. In einer scientologisch geführten Schule bzw. auch schon in der Nachhilfeschule unterliegt ein Kind diesem Druck, indem es ständig seine Statistik erfüllen muß.

Eine junge Frau, die sich um die Betreuung der Kinder und Jugendlichen in einem scientologischen Zentrum kümmerte, wurde die Anwendung der Statistik folgendermaßen erklärt. „Die Ethik-Statistik bewertet das Verhalten des Kindes über den ganzen Tag verteilt… Sie wird geführt, um dem Kind zu helfen, das eine bestimmte Schwierigkeit hat. Wenn es seine Sache sehr gut gemacht hat, ist es im Zustand `Power´ und bekommt fünf Punkte, die Höchstzahl. Um auf Power eingestuft zu werden, darf es sich nicht out-ethisch verhalten haben und muß aktiv daran teilgenommen haben, das Überleben von einer oder mehreren Dynamiken zu verbessern. War es nicht ganz so aktiv, hat sich aber trotzdem gut verhalten, ist sein Zustand `Überfluß´, der vier Punkte bringt. Drei Punkte sind `Normal´ und bedeuten nur, daß das Kind nichts Out-Ethisches gemacht hat. Ein bis zwei out-ethische Handlungen bedeuten `Notzustand´, zwei Punkte. Hat das Kind die Gruppe einmal richtig enturbuliert28, ist `Gefahr´ angesagt, ein Punkt. Und wenn’s schlimm war, gibt es gar keinen Punkt, weil das Kind den ganzen Tag unvernünftig aufgetreten ist und permanent die Gruppe enturbuliert hat. Der Zustand heißt dann `Nichtexistent´.“(29)

Kindern wird auch der Umgang mit ihren Eltern verboten bzw. den Eltern wird der Umgang mit ihren Kindern verboten, da die Kinder der Grund für die Probleme des Erwachsenen sind. Diese Kinder sind eine „unterdrückerische Person“ für ihre Eltern und behindern das Fortkommen ihrer Eltern in Scientology.(30) U.S. Sonntag, der gesagt wurde, dass ihr Sohn eine unterdrückerische Person sei, wurde das von Seiten der Org an einem Beispiel gezeigt. Unten „…in dem italienischen Restaurant einen Stockwerk tiefer als die Org saß ein kleiner Junge an einem Tisch allein und aß, seine Mutter saß getrennt von ihm an einem anderen Tisch, man sagte mir, der Junge wäre der `Unterdrücker´ seiner Mutter, und die Mutter muß ihn handhaben und sich von ihm trennen, um weiter zu kommen.“(31)

Kurt-Helmuth Eimuth sieht den Begriff „handhaben“, als ein Kontrollieren und Bestrafen des Kindes.(32) Die Interministerielle Arbeitsgruppe für Fragen sog. Jugendsekten und Psychogruppen berichtet, dass Scientology Kritiker ausführten, daß Kinder bei `Kontaktsperren´ sogar von ihren Müttern getrennt werden, dabei muß sich die Familie den Anordnungen der Scientology unterordnen.(33)

Kurt Helmuth Eimuth schlussfolgert weiter, dass die hohe Beanspruchung der Eltern und das Menschenbild Scientologys, das keine Kindheit beinhaltet, zu einer Entfremdung zwischen Eltern und Kindern führt.

Desweiteren wird in dem Buch „Im Labyrinth von Scientology“ von Norbert Potthoff beschrieben, wie ein behinderter Junge von seinen Eltern emotionell vernachlässigt wurde, da er aufgrund seiner Behinderung in einem früheren Leben unethisch gewesen sein muß bzw. er zugelassen hat, daß ihn sein Zwillingsbruder während der Schwangerschaft „behindert gemacht hat“. „Christian ist Jens´ Sohn aus erster Ehe. Viel weiß ich (Norbert Potthoff; Anmerkung der Verfasserin) nicht über ihn. Ab und zu sehe ich ihn mal auf dem Flur der obersten Etage, aber meist ist er in seinem Zimmer versteckt. Er ist gehbehindert, macht aber einen netten Eindruck. `Also es gibt da einiges was du wissen solltest´ erklärt Beate (die „Stiefmutter“; Anmerkungen der Verfasserin)`Christian und Hilmar sind Zwillinge und das, was Ron als Black beeings, als schwarze Wesen bezeichnet. Hilmar ist absolut herrisch und autoritär, er hat seinen Zwillingsbruder bereits während der Schwangerschaft so getreten, daß dieser mit einem Hüftschaden zur Welt kam. Aber Christian ist ebenso dafür verantwortlich, denn er hat damit übereingestimmt, hat zugelassen, diesen Schaden zu erhalten. Hilmar haben wir nach Portugal geschickt. Er ist nicht zu handhaben, begeht ständig neue Verbrechen. Christian steckt überwiegend fest in seinem reaktiven Verstand, und nur durch Dauerlauf kann er ab und zu ausrasten. Damit uns seine reaktiven Strömung nicht beeinträchtigen kann, lebt er allein in seinem Zimmer. Nur sein Vater darf mit ihm Kontakt haben.´“(34)

Dieses zeigt, wie Scientology die Vernachlässigung der Kinder, durch die Ideologie und Zielsetzung mit Hilfe der „abhängigen“ Eltern propagiert. Durch das Anstreben der Weltherrschaft, das „Clearen“ der Welt bleiben schwache Glieder, das sind ohne weiteres Kinder und Jugendliche, Behinderte, besonders behinderte und kranke Kinder, alleine und werden ohne Gefühlsregungen seitens der Erwachsenen und Starken ihr Leben meistern müssen.

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Bei der Betrachtung der Kindererziehung stellte sich mir folgende Frage, was aus einem scientologischen Kind wird wenn aus ihm ein erwachsener Scientologe geworden ist. Ob aus diesem Kind ein neuer David Miscavige wird oder der „perfekte Soldat“, der ohne emotionelle Regungen agieren kann, im Kampf für Scientology.

Scientology stellt die Familie in den Hintergrund, die Kinder werden von außenstehenden Personen ohne Liebe und Zuneigung erzogen. Die Kinder lernen kritiklos Befehle zu befolgen. Ihre eigene Meinung zählt in Scientology nicht. Sie lernen Macht anzustreben und andere Menschen zu beherrschen. Sie lernen in Scientology nicht liebevoll mit anderen Menschen umzugehen. Auch die Familie ist für „Scientology-Kinder“ nicht wichtig, da sie nie ein „normales“ Familienleben kennenlernen durften. Scientology möchte aus den Kindern neue „Herrschaftsmenschen“ heranzüchten, die die Welt beherrschen sollen, eine Welt in der es z.B. keine kranken, behinderten, schwachen Menschen geben darf.

Kurt-Helmuth Eimuth sieht dieses ähnlich. „Die Kinder werden von klein auf in ein gedankliches System gequetscht, das sie einer zum sozialen miteinander verpflichteten Gesellschaft entfremdet. Scientology lehrt wie kaum eine andere Organisation den nackten Sozialdarwinismus. Dies verträgt sich mit dem Anspruch, mündige, soziale, verantwortungsbewusste Menschen zu erziehen, so wie Licht und Schatten. Entweder werden Kinder zu kritischen, selbständig denkenden Erwachsenen, oder sie werden zu einer Art scientologischer `Übermensch´, die andere Menschen `handhaben´, kontrollieren wollen.“(35)

Die Fragen, die offen bleiben aufgrund von fehlenden Untersuchungen, sind für mich, wie ein Mensch lebt, handelt fühlt und denkt, der in Scientology aufgewachsen ist bzw. kann dieser Mensch überhaupt von Scientology unabhängig agieren.(36) Diese Fragen können momentan nur Aussteiger beantworten, die aber selber nicht in das „System Scientology“ hineingepaßt haben, sie können auch nicht ganz die Frage klären, wie ein Mensch, der in das System hineinpaßt, handelt oder sich dabei fühlt. Die Frage ist, ob so ein Mensch überhaupt „herangezüchtet bzw. -erzogen“ werden kann. Leider müssen diese Fragen offen bleiben.

Quellennachweise:

1Vgl.: Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Seelsorgeämter. Referat für Weltanschauungsfragen; Kinder in Sekten „Die 2. Generation“ in: Werkmappe „Sekten, religiöse Sondergemeinschaften, Weltanschauungen“ Heft Nr. 76 Wien, S. 27

2New Era Publications, Kinder: ein Auszug aus dem Scientology-Handbuch, Kopenhagen, 1994, S. 2

3New Era Publications, Kinder: ein Auszug aus dem Scientology-Handbuch, Kopenhagen, 1994, S. 3

4Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997, S. 71

5Hubbard, L. Ron; Dianetik, Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit , Das Handbuch der Dianetik Verfahren

Kopenhagen, 1986, S. 169

6Hubbard, L. Ron; s.o. S. 201

7Vgl.: Eimuth, Kurt Helmuth, 1997; s.o. S.67

8Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 67

9New Era Publications, 1994; s.o. S. 28

10Vgl.: New Era Publications, 1994; s.o., S. 28 f. und Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997, s.o. S. 101

11Vgl. Eimuth, Kurt Helmuth, 1997; s.o.S. 69f

12New Era Publications, 1994; s.o., S. 16

13Vgl.: New Era Publications, 1994; s.o., S. 17

14New Era Publications, 1994; S. 17

15New Era Publications, 1994; S. 19f.

16New Era Publications, 1994; S. 22

17Vgl.: Eimuth, Kurt- Helmuth, 1997; S. 72f

18Sonntag-Kuntze, U.S;. Ausarbeitung über die gefahren, die bei dem Kontakt zwischen

Scientologen und Kindern entstehen können, Schriftsatz ohne Jahr, S. 16; zitiert nach: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997, s.o. ; S. 77

19Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 77f.

20Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S.78-83

21New Era Publications, 1994; s.o. S. 8f.

22Vgl. New Era Publications; 1994 ; s.o. S. 14

23Vgl. New Era Publications, 1994; s.o. S. 10

24New Era Publications, 1994; s.o. S.14f.

25New Era Puplications, 1994; s.o. S.10

26Sonntag -Kuntze, U.S.; Ausarbeitung über die Gefahren, die bei dem Kontakt zwischen Scientologen und Kindern entstehen können, Schriftsatz o.J., S:11 zitiert nach: Eimuth, Kurt-Helmuth,1997; s.o., S. 83

27Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 86

28 „Enturbulieren: Etwas `turbulent´ (wirbelnd ´, stürmisch, aufrührerisch) machen, verwirren, aufregen oder durcheinanderbringen“ Hubbard, Handbuch für den Ehrenamtlichen Geistlichen, Kopenhagen 1980, S. 754; zitiert nach Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o., S. 91

29Anonymus, Entkommen-Eine Ex Scientologin erzählt, Reinbeck bei Hamburg, 1993, S.108f.;zitiert nach: Kurt-Helmuth Eimuth, 1997; s.o. S. 90f.

30Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 83

31Sonntag-Kuntze, U.S.; a.a.O. Anhang; zitiert nach: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 83

32Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 84

33Vgl.: Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe für Fragen sog. Jugendsekten und Psychogruppen vom 30.6.9, Drucksache 11/4643, S. 33; verglichen nach : Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 84

34Potthoff, Norbert, Im Labyrinth der Scientology, Bergisch Gladbach, 1997; S. 136

35Eimuth, Kurt-Helmuth 1997;s.o. S. 109f.

36 Vgl.: Arbeitskreis „Contra Scientology“, Referat: Probleme der scientologischen Kindererziehung, o.J.; Bundeinnenministerium Bayern:“Was ist Scientology?“

Ein Gedanke zu “Kindsein in Scientology – kleine Erwachsene mit keiner Kindheit

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