Kindsein in Scientology – kleine Erwachsene mit keiner Kindheit

Scientology kennt keine spezielle Kindererziehung. Im scientologischem Sinne sind Kinder kleine Erwachsene. Dies kann zu einer geistigen und psychischen Überforderung der Kinder und Jugendlichen führen. In einer scientologischen Broschüre über die Methoden und Ziele der scientologischen Kinderziehung werden diese in einem Vorwort näher dargestellt. „Kinder zu erziehen soll eine Freude sein. Und es kann eine Freude sein. Es kann tatsächlich eine der befriedigsten aller menschlichen Erfahrungen sein. Mit der Anwendung von Scientology-Prinzipien auf das Großziehen von Kindern kann sichergestellt werden, dass sie glücklich, liebevoll und produktiv sind und daß sie zu geschätzten Mitgliedern dieser Gesellschaft werden, in der sie leben.“(2)

Scientology will einen liebevollen, glücklichen und produktiven Menschen schaffen. Nach meiner Meinung erreicht Scientology genau das Gegenteil, einen kritiklosen, emotionslosen, manipulierbaren und nicht selbständig denkenden Menschen.

Die scientologische Definition von Kindern befindet sich ebenfalls in der oben beschriebenen Broschüre. Sie lautet: „Kinder sind nicht Hunde. Sie können nicht wie Hunde dressiert werden. Sie sind nicht kontrollierbare Dinge. Sie sind, lassen Sie uns diesen Punkt nicht übersehen, Männer und Frauen. Ein Kind ist nicht eine spezielle Tierart, die sich vom Menschen unterscheidet. Ein Kind ist ein Mann oder eine Frau, der bzw. die nicht voll ausgewachsen ist. Jedes Gesetz, das auf das Verhalten von Männern und Frauen zutrifft gilt auch für Kinder.“(3)

Eine ähnliche Definition befindet sich in dem Buch „Kinder-Dianetik“, das die Inhalte des Buches Dianetik auf Kinder überträgt.(4)

Die Hauptziele der Kinder-Dianetik sind, Engramme (negative Informationen auf der „Zeitspur“, die einen Menschen in der jetzigen Zeit hemmen) zu löschen und dafür zu sorgen, dass sie gar nicht erst entstehen können. Deswegen soll die Dianetik im Alltag im täglichen Umgang mit dem „kleinen Erwachsenen“ angewendet werden.

Das entstehen von Engrammen zu verhindern, beginnt schon vor bzw. während der Geburt.„Die Menschen haben im Normalfall vorgeburtliche Engramme in großer Zahl. Sie können mehr als zweihundert haben. Und jedes davon ist aberrierend (Anm. Verf. Scientologisches Wort für störend, hemmend. im  sehr negativen Sinne, wird auch als Begriff für Geisteskranke und als scientologisches Schimpfwort benutzt, alles was nicht für Scientology ist, ist aberrierend). Jedes enthält Schmerz und Bewusstlosigkeit.“(5)

Aufgrund dessen soll bei einer schwangeren Frau, die sich verletzt hat, nicht gesprochen werden, damit sich bei dem ungeborenen Kind kein Engramm festsetzen kann.

„Aber wenn bekannt ist, daß jede Verletzung der Mutter bei dem ungeborenen Kind ein Engramm erzeugen kann, dann sollten alle, die im Fall einer solchen Verletzung anwesend sind, die Mutter eingeschlossen, Sorge dafür tragen, daß absolute Stille bewahrt wird.“(6) Dieses gilt auch während der Geburt.(7)

Unmittelbar nach der Geburt soll das Kind der Mutter auf dem Bauch gelegt werden. Nach der Durchtrennung der Nabelschnur soll das Kind liebkost und gestillt werden,(8) obwohl Scientology das Stillen von Babys eigentlich ablehnt. „Die bedeutendste Ursache für Verstimmungen im frühen Leben eines Kindes ist einfach die Verpflegung. Man gibt dem Baby wohl zu essen. Aber was? Schrecklich schmeckende Milchpulverlösungen mit viel Kohlehydraten oder magere Muttermilch einer überarbeiteten Mutter.“(9) Scientology hat auch gleich die Antwort parat, was ein Scientologe seinem Säugling und Kleinkind zu essen geben soll. Ein „ca. 2.200 Jahre altes römisches Gerstenrezept“, was der Muttermilch am ähnlichsten sein soll, ist die Babynahrung eines scientologischen Kindes. Die Nahrung besteht aus einem Brei von Gerstenwasser, homogenisierter Milch und Stärkesirup aus Mais.(10) Ein scientologisches Kind hat keine Chance, die Nähe seiner Mutter beim Stillen zu fühlen. Dieses klammert Scientology von vornherein für dieses Kind aus.

Wird das Kind älter, wird es darauf trainiert, zugänglich für die späteren Auditing-Sitzungen zu werden. Dafür wird bei einer Verletzung eines kleineren Kindes Beistand (scientologisch Assist) geleistet. Die eigentliche Aufgabe des Beistandes ist, irgend etwas zu tun, was eine gegenwärtige Beschwerde des Kindes lindert.(11)

Bei der Verletzung eines kleinen Kindes soll nicht gesprochen bzw. getröstet werden, sondern das Kind soll weinen, bis es wieder zu lachen beginnt. „Man kann vieles tun, um einem Kind zu helfen, das hingefallen ist, sich eine kleinere Schnittwunde oder etwas ähnliches zugezogen hat. Bei kleineren Kindern scheint es manchmal genug zu sein, sie einfach ausweinen zu lassen. Wenn ein Kind verletzt ist, werden sich die meisten Leute dabei ertappen, dass sie – fast bevor es ihnen selbst bewußt ist – beruhigende und tröstende Worte sprechen. Und sie werden gewöhnlich das sagen, was sie schon hundertmal gesagt haben, als das Kind verletzt war. Dies erinnert das Kind an die ganze Kette von früheren Verletzungen. Eltern können einem Kind am meisten helfen, indem sie nichts sagen… Schweigen bedeutet nicht, dass man keine Zuneigung empfindet oder ausdrückt. Man kann den Arm um das Kind legen oder es halten, wenn es das möchte. Wenn nichts gesprochen wird, wird ein kleines Kind oft ungefähr eine Minute lang heftig weinen und dann plötzlich aufhören, lächeln und zu der Sache zurücklaufen, bei der es gerade war. Wenn man dem Kind erlaubt zu weinen, scheint sich die Spannung, die von der Verletzung herstammt, zu lösen, und ein Beistand ist in diesem Fall nicht erforderlich. Tatsächlich ist es oft sehr schwierig, ein Kind zu veranlassen, zu dem Moment der Verletzung zurückzukehren, wenn es die Spannung auf diese Weise freigesetzt hat“(12)

Grundsätzlich soll also durch das Schweigen verhindert werden, dass bei dem Kind Engramme entstehen bzw. sich ein Lock entwickeln kann. Ein zweites Ereignis, das das Kind an ein Engramm erinnert, wird Secondary genannt. Jedes weitere Ereignis, was das Kind an den Moment des Schmerzes erinnert, wird Lock genannt. Diese drei Umstände bilden Ketten, die aus vielen Bild- und Emotionsinformationen bestehen. In diesen Ketten sind nach Hubbard Energien gespeichert, die dem Menschen in der Gegenwart fehlen.

Bei älteren Kindern – ab fünf Jahren – soll jedoch normalerweise ein Beistand (Assist) geleistet werden aber auch bei jüngeren Kindern, wenn diese schon eine Lock-Kette besitzen.(13)Dieser Beistand ähnelt nach meiner Meinung dem Auditing. Ein Beispiel für einen solchen Beistand findet sich in dem Auszug aus dem Scientology Handbuch: Kinder. „Wenn das Kind nicht mehr benommen ist, fragen Sie es: `Was ist passiert? Wie hast du dir weh getan? Erzähl mir darüber.´ Wenn es beginnt darüber zu erzählen, stellen Sie es auf die Gegenwart um, falls es die Geschichte von sich aus nicht in der Gegenwart erzählt. Versuchen Sie es auf diese Weise:

`Nun – ich stand auf einem großen Felsen und dann bin ich ausgerutscht und hingefallen und…´ (Weinen)

`Tut es weh, wenn du auf dem Felsen stehst?´

`Nein.´

`Was passiert, wenn du auf dem Felsen stehst?´

`Ich rutsche aus…´ (Weinen)

`Was passiert dann?´

`Ich falle auf den Boden.´

`Ist da Gras auf dem Boden?´

`Nein-es ist ganz sandig.´

`Erzähl mir noch einmal darüber.´

Sie können das Kind mehrere Male durch das Geschehnis durchgehen lassen, bis es ihm langweilig wird oder bis es lacht.“(14) Das Verfahren des Beistandes soll verhindern, das sich Locks und Secondaries bilden.

Hat sich bei dem Kind schon eine Lock-Kette gebildet und diese soll gelöscht werden, dann wird das Verfahren der Erinnerung angewendet. Das Kind soll an andere Gegebenheiten erinnert werden, die es mit der momentanen schmerzhaften Situation in Verbindung bringt und durch diese so lange hindurchgehen, bis das Kind anfängt zu lachen bzw. es ihm wieder langweilig wird. Diese Lock-Kette ist daraufhin, wie bei einem Auditing, gelöscht. „Das Kind auffordern, sich zu erinnern, kann in Hunderten von Situationen verwendet werden, die sich täglich ereignen: immer wenn das Kind mürrisch oder unglücklich ist und über etwas weint; wenn es sich leicht krank fühlt; wenn es offensichtlich durch etwas restimuliert worden ist; wenn es eine Dramatisation (ein erneutes Abspielen in der Gegenwart von etwas, das in der Vergangenheit geschehen ist) mit angehört hat oder es jemand schwer bestraft oder dem Kind gegenüber etwas dramatisiert hat; wenn es sich zurückgewiesen fühlt – in der Tat jedesmal, wenn ein Kind aus irgendeinem Grund unglücklich oder ängstlich ist oder Sie wissen, dass es ein sehr restimulierendes Erlebnis gehabt hat… Diese Technik kann natürlich erst dann verwendet werden, wenn das Kind ausreichend sprechen gelernt hat, um einen zusammenhängenden Bericht darüber zu geben, was es denkt und fühlt. Wenn sich das Kind unwohl (nicht ernsthaft krank) fühlt, können Sie damit beginnen, indem Sie es fragen, wann es sich früher schon einmal so gefühlt hat. Normalerweise wird sich ein Kind daran erinnern. Wenn Sie dann weitere Fragen darüber stellen, was geschah, was es zu jener Zeit tat, wer gesprochen hat, was gesagt wurde, wie es sich fühlte, dann wird es die Szene anschaulich beschreiben. Wenn das Kind dies tut, lassen Sie es einfach einige Male durch das Geschehnis hindurchgehen… Aber seien Sie nicht allzu mitfühlend. Zeigen Sie Zuneigung und Interesse – ja. Aber Sie dürfen nicht sentimental werden und in jammerndem Ton Sätze wie `Armes Baby, armes kleines Ding!´ sagen. Dies könnte bewirken, daß das Kind die Verletzung oder Verstimmung als wertvoll erachtet, weil sie bewirkt hat, daß es spezielle Aufmerksamkeit und Mitleid erhielt.“(15) Weiter hinten in der Broschüre heißt es dann: „Lassen Sie das Kind sich das Geschehnis einige Male zurückrufen, bis es lacht. Dies wird das Kind von der Restimulation befreien.“(16)

Das eigentliche Ziel im Umgang mit Kindern ist also, die Verhütung von Engrammen beim ungeboren Kind, das Durchführen von Assist bzw. Beistand bei leichteren Verletzungen und das Entfernen von Locks mit Hilfe der Erinnerung. Dieses ist eine klare Vorbereitung der Kinder auf das Auditing, bzw. ähneln diese Verfahren schon sehr dem Auditing. Kurt-Helmuth Eimuth sieht in den oben beschriebenem Verfahren sogar eine Praktizierung des Auditings im täglichen Umgang mit dem Kinde, (17) da hier das Auditing in vereinfachter Weise in jeder Situation mit den Kindern durchgeführt wird.

L. Ron Hubbard gibt Anweisung, Auditing mit Kindern ab acht Jahren durchzuführen. Dies kann zu einer starken Überforderung der Kinder führen, da z.B. Erinnerungen an die eigene Geburt bzw. an vorherige Leben zusätzlich zu dem Alltag eines scientologischen Kindes gehören. Wenn ich mir überlege, welche Überforderung bei einem erwachsenen Menschen durch die eigenen Gefühle und Gedanken entstehen, und diese für Erwachsene kaum zu verarbeiten sind, ist dieses für ein Kind um so schwerer zu verstehen, bzw. zu bewältigen.

In dem Buch „Die Sekten-Kinder“ von Kurt- Helmuth Eimuth beschreibt eine Ex-Scientologin die Erfahrungen mit ihrem eigenen Sohn. „Zurück bleibt ein verstörtes, anpassungsunfähiges Kind, das Furcht hat, sich selbst kennenzulernen. Sie laufen u.U. mit einem übertriebenem Schuldkomplex herum, in der Vergangenheit wurden ja Verbrechen begangen, diese immer wieder anzuschauen (konfrontieren), um sie zum Verlöschen zu bringen und eine Erkenntnis daraus zu ziehen, dürfte dem Vorspielen eines endlosen Horror-Filmes gleichkommen.“(18)

Nach Kurt-Helmuth Eimuth verhindern die Erinnerung, das Auditing und das Konfrontieren die Identitätsbildung bei den Kindern, die mit der scientologischen Ideologie aufwachsen müssen. „Es ist jedoch augenscheinlich, dass eine Entwicklung zur eigenen Urteilsfähigkeit, zur alleinigen Entscheidung unmöglich gemacht wird. Ja es ist sogar zu vermuten, dass ähnlich, wie bei erwachsenen Mitgliedern, es massive Identitätsprobleme bis hin zur Identitätsvermischung mit pathogenen Zügen gibt.“(19)

Weiter sieht er bestimmte Indikatoren für die Identitätsprobleme bei den Kindern. Diese sind u.a.: Der Kommunikationskurs, der absolute genormte Verhaltensmuster von einem Kind abverlangt, das Auditing, die scientologische Kunstsprache, die Arbeit von Kindern für die Org bzw. Scientology und die fehlende Zeit der Eltern sich um die Bedürfnisse, besonders die emotionellen, durch ihre eigenen Aktivitäten und den vorgeschriebenen Umgang mit dem Kind haben, zu kümmern. Außerdem entwickeln sich die Kinder zu Außenseitern in der „normalen Welt“.(20) Durch dieses „außenstehen“ der Kinder werden sie immer enger in die scientologische Gedankenwelt hineinkatapultiert.

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der scientologischen Kindererziehung ist, dass die Kinder einen „Beitrag“ leisten müssen. Diesen Beitrag leisten zu wollen, nach scientologischer Lehre, fängt schon im Säuglingsalter an. „Ein Baby leistet seinen Beitrag, indem es versucht, Sie zum Lächeln zu bringen. Das Baby wird sich zur Schau stellen. Wenn der Kleine ein bißchen älter ist, wird er für Sie tanzen, er bringt Ihnen Zweige und versucht, Ihre Arbeitsbewegungen nachzuahmen, um Ihnen zu helfen. Wenn Sie dieses Lächeln, diese Tänze, diese Zweige oder diese Arbeitsbewegungen nicht in dem Sinn annehmen, wie sie gegeben werden, haben Sie begonnen, den Beitrag des Kindes zu verweigern. Jetzt wird es anfangen, ängstlich zu werden. Es wird gedankenlose und seltsame Sachen mit ihrem Eigentum anstellen, in der Bemühung, es `besser´ für Sie zu machen. Sie schelten das Kind. Damit ist es aus mit ihm…. Sie können nicht mehr tun, als das Lächeln, die Tänze und die Zweige des sehr kleinen Kindes anzunehmen. Aber sobald das Kind es verstehen kann, sollte man ihm ausführlich erzählen, wie die Familie funktioniert.“(21)

Die Probleme, die ein Kind macht, liegen in dieser Betrachtungsweise ausnahmslos darin, dass das Kind in der Familie und somit in der Gesellschaft keinen Beitrag leisten durfte.

Scientology geht sogar soweit, dass sie die grundlegende Schwierigkeit der Jugendkriminalität in dem Verbot der Kinderarbeit begründet sieht.(22) Nach Scientology muss ein Kind in der Lage sein (Scientology formuliert es als die Pflicht des Kindes gegenüber den Eltern), für die Eltern zu sorgen.(23) „Indem man die Kinderarbeit verbietet und insbesondere indem man Jugendliche daran hindert, ihren eigenen Weg zu gehen und eigenes Geld zu verdienen, schafft man Schwierigkeiten in der Familie, so dass es fast unmöglich wird, eine Familie zu unterhalten. Und man erschafft beim Jugendlichen die Ansicht, dass ihn die Welt nicht will und dass er sein Spiel verloren hat, bevor es überhaupt begonnen hat… Das Kind jedoch, das mit drei oder vier Jahren gerne in dieser modernen Gesellschaft arbeiten würde, wird entmutigt und tatsächlich davon abgehalten. Es wird untätig gehalten bis zum siebten, achten oder neunten Lebensjahr und erhält dann plötzlich gewisse Pflichten… Als Teenager wird es später auf aktive Weise daran gehindert, irgendeine Art Job zu bekommen, der es ihm ermöglichen würde, Kleidung zu kaufen und die Zeche für seine Freunde zu bezahlen. Und so empfindet er allmählich, dass er nicht zur Gesellschaft gehört. Da er nicht Teil von der Gesellschaft ist, ist er nun gegen sie und wünscht sich nichts als destruktive Tätigkeiten.“(24) Scientology geht sogar so weit, dass ein Kind, was einen Beitrag leistet, aber die Rechte seiner Eltern verletzt, körperlich gemaßregelt werden kann. Dies soll keinen Schaden bei dem Kind hinterlassen, da das Kind trotzdem seinen Beitrag leisten kann. „Sie können bei einem Kind tatsächlich körperliche Maßnahmen ergreifen, um Ihre eigenen Rechte zu verteidigen, so lange es das besitzt, was es besitzt, und für Sie einen Beitrag leisten und für Sie arbeiten kann.“(25)

Das Fazit, was sich daraus ergibt ist, dass Kinder nur glücklich sein können, wenn sie einen Beitrag leisten, also arbeiten können bzw. dürfen. Wie diese Arbeit in der Praxis Scientologys aussieht wird im folgenden näher beschrieben. U.S. Sonntag berichtet über den Alltag von Kindern in Scientology-Zentren in Kopenhagen, München und England. Dort müssen die Kinder ein ähnliches Programm wie die Erwachsenen absolvieren. „Die Kinder dort hatten wie ihre Eltern einen festumrissenen Tagesablauf mit einem Punkteprogramm und einer Statistik, die jede Woche, donnerstags, vorgetragen wurde. Neben der Schule vollzogen die Kinder Dienstleistungen in der Organisation. Sie bekleideten Posten, vergleichbar der Registratur, stellten Akten für die Sitzungen bereit und leiteten sie weiter mit den dazugehörigen verwaltenden Schreibarbeiten. Sie waren Meldungsträger von einem Posten zum nächsten, brachten die Leute in die Sitzungen und `routeten´ sie weiter. Sie belegten speziell für diese Arbeiten dieselben Kurse wie die Erwachsenen, die ebenfalls darin u.U. ausgebildet wurden. Ebenfalls belegten sie auch schon Kurse, um Auditor zu werden, manch Zwölfjähriger konnte schon einen Erwachsenen auditieren und dabei u.U. mit allen möglichen Intimitäten, die dieser erzählte, konfrontiert werden. Freizeit gab es nicht.“(26) Dies bedeutet, dass die Kinder neben der Schule, falls sie noch auf eine Regelschule gehen, und der Arbeit für Scientology keine Zeit mehr für kindgerechte Unternehmungen haben.

Ähnlich ergeht es den Eltern, die ebenfalls einen sehr vollen Tagesablauf besitzen, in dem Buch „Die Sekten-Kinder“ von Kurt-Helmuth Eimuth wird von einem Ex-Scientologen beschrieben, wieviel Zeit er für seine Familie und somit auch für seine Kinder hatte. „Er (Daniel, ein Mann der mit sieben Jahren selbst durch seine Mutter zu Scientology gekommen ist; Anmerkung der Verfasserin) lebte später als Staff-Mitarbeiter in Kopenhagen. Um seine einjährige Tochter konnte er sich aufgrund der Arbeitsanforderungen nicht kümmern… Daniel Fumagalli erzählt: `Es gibt Kinderkrippen, da bringt man sie morgens hin und holt sie nachts wieder ab. Da hatten Eltern nach dem Nachtessen eine Stunde sogenannte Parents oder Familiy time.´ Später kam die Anweisung, die diesen wenigen, aber doch regelmäßigen Kontakt der Eltern zu ihren Kindern weiter einschränkte. Fumagalli: `Es gab da mal eine Anweisung, die besagte, dass für die family time eine Stunde am Tag nicht genug sei. Deshalb solle man besser in dieser Stunde viel produzieren und jeden zweiten Samstag einen Tag frei nehmen, welchen man dann in Ganzheit mit dem Kind verbringen kann. Also in anderen Worten: man sieht das Kind jede zweite Woche für einen Tag und halt nachts, wenn das Kind eh schläft.´“(27)

Somit obliegt die Erziehung des Kindes der Organisation und nicht mehr den Eltern, so dass es sich daraus zwangsläufig ergibt, dass Scientology den ganzen Tag lang die Kinder manipulieren kann. Gehen die Kinder nicht mehr zu einer normalen Regelschule, sondern zu einer scientologisch geführten Schule im nahen Ausland, lebt das Kind nur noch in der Scientology-Welt und hat keine Chance mehr, etwas anderes kennenzulernen. Scientology-Kinder müssen für die Organisation arbeiten, damit die Welt gerettet werden kann. Somit stehen diese Kinder unter einem starken Leistungsdruck. In einer scientologisch geführten Schule bzw. auch schon in der Nachhilfeschule unterliegt ein Kind diesem Druck, indem es ständig seine Statistik erfüllen muß.

Eine junge Frau, die sich um die Betreuung der Kinder und Jugendlichen in einem scientologischen Zentrum kümmerte, wurde die Anwendung der Statistik folgendermaßen erklärt. „Die Ethik-Statistik bewertet das Verhalten des Kindes über den ganzen Tag verteilt… Sie wird geführt, um dem Kind zu helfen, das eine bestimmte Schwierigkeit hat. Wenn es seine Sache sehr gut gemacht hat, ist es im Zustand `Power´ und bekommt fünf Punkte, die Höchstzahl. Um auf Power eingestuft zu werden, darf es sich nicht out-ethisch verhalten haben und muß aktiv daran teilgenommen haben, das Überleben von einer oder mehreren Dynamiken zu verbessern. War es nicht ganz so aktiv, hat sich aber trotzdem gut verhalten, ist sein Zustand `Überfluß´, der vier Punkte bringt. Drei Punkte sind `Normal´ und bedeuten nur, daß das Kind nichts Out-Ethisches gemacht hat. Ein bis zwei out-ethische Handlungen bedeuten `Notzustand´, zwei Punkte. Hat das Kind die Gruppe einmal richtig enturbuliert28, ist `Gefahr´ angesagt, ein Punkt. Und wenn’s schlimm war, gibt es gar keinen Punkt, weil das Kind den ganzen Tag unvernünftig aufgetreten ist und permanent die Gruppe enturbuliert hat. Der Zustand heißt dann `Nichtexistent´.“(29)

Kindern wird auch der Umgang mit ihren Eltern verboten bzw. den Eltern wird der Umgang mit ihren Kindern verboten, da die Kinder der Grund für die Probleme des Erwachsenen sind. Diese Kinder sind eine „unterdrückerische Person“ für ihre Eltern und behindern das Fortkommen ihrer Eltern in Scientology.(30) U.S. Sonntag, der gesagt wurde, dass ihr Sohn eine unterdrückerische Person sei, wurde das von Seiten der Org an einem Beispiel gezeigt. Unten „…in dem italienischen Restaurant einen Stockwerk tiefer als die Org saß ein kleiner Junge an einem Tisch allein und aß, seine Mutter saß getrennt von ihm an einem anderen Tisch, man sagte mir, der Junge wäre der `Unterdrücker´ seiner Mutter, und die Mutter muß ihn handhaben und sich von ihm trennen, um weiter zu kommen.“(31)

Kurt-Helmuth Eimuth sieht den Begriff „handhaben“, als ein Kontrollieren und Bestrafen des Kindes.(32) Die Interministerielle Arbeitsgruppe für Fragen sog. Jugendsekten und Psychogruppen berichtet, dass Scientology Kritiker ausführten, daß Kinder bei `Kontaktsperren´ sogar von ihren Müttern getrennt werden, dabei muß sich die Familie den Anordnungen der Scientology unterordnen.(33)

Kurt Helmuth Eimuth schlussfolgert weiter, dass die hohe Beanspruchung der Eltern und das Menschenbild Scientologys, das keine Kindheit beinhaltet, zu einer Entfremdung zwischen Eltern und Kindern führt.

Desweiteren wird in dem Buch „Im Labyrinth von Scientology“ von Norbert Potthoff beschrieben, wie ein behinderter Junge von seinen Eltern emotionell vernachlässigt wurde, da er aufgrund seiner Behinderung in einem früheren Leben unethisch gewesen sein muß bzw. er zugelassen hat, daß ihn sein Zwillingsbruder während der Schwangerschaft „behindert gemacht hat“. „Christian ist Jens´ Sohn aus erster Ehe. Viel weiß ich (Norbert Potthoff; Anmerkung der Verfasserin) nicht über ihn. Ab und zu sehe ich ihn mal auf dem Flur der obersten Etage, aber meist ist er in seinem Zimmer versteckt. Er ist gehbehindert, macht aber einen netten Eindruck. `Also es gibt da einiges was du wissen solltest´ erklärt Beate (die „Stiefmutter“; Anmerkungen der Verfasserin)`Christian und Hilmar sind Zwillinge und das, was Ron als Black beeings, als schwarze Wesen bezeichnet. Hilmar ist absolut herrisch und autoritär, er hat seinen Zwillingsbruder bereits während der Schwangerschaft so getreten, daß dieser mit einem Hüftschaden zur Welt kam. Aber Christian ist ebenso dafür verantwortlich, denn er hat damit übereingestimmt, hat zugelassen, diesen Schaden zu erhalten. Hilmar haben wir nach Portugal geschickt. Er ist nicht zu handhaben, begeht ständig neue Verbrechen. Christian steckt überwiegend fest in seinem reaktiven Verstand, und nur durch Dauerlauf kann er ab und zu ausrasten. Damit uns seine reaktiven Strömung nicht beeinträchtigen kann, lebt er allein in seinem Zimmer. Nur sein Vater darf mit ihm Kontakt haben.´“(34)

Dieses zeigt, wie Scientology die Vernachlässigung der Kinder, durch die Ideologie und Zielsetzung mit Hilfe der „abhängigen“ Eltern propagiert. Durch das Anstreben der Weltherrschaft, das „Clearen“ der Welt bleiben schwache Glieder, das sind ohne weiteres Kinder und Jugendliche, Behinderte, besonders behinderte und kranke Kinder, alleine und werden ohne Gefühlsregungen seitens der Erwachsenen und Starken ihr Leben meistern müssen.

_____________________________

Bei der Betrachtung der Kindererziehung stellte sich mir folgende Frage, was aus einem scientologischen Kind wird wenn aus ihm ein erwachsener Scientologe geworden ist. Ob aus diesem Kind ein neuer David Miscavige wird oder der „perfekte Soldat“, der ohne emotionelle Regungen agieren kann, im Kampf für Scientology.

Scientology stellt die Familie in den Hintergrund, die Kinder werden von außenstehenden Personen ohne Liebe und Zuneigung erzogen. Die Kinder lernen kritiklos Befehle zu befolgen. Ihre eigene Meinung zählt in Scientology nicht. Sie lernen Macht anzustreben und andere Menschen zu beherrschen. Sie lernen in Scientology nicht liebevoll mit anderen Menschen umzugehen. Auch die Familie ist für „Scientology-Kinder“ nicht wichtig, da sie nie ein „normales“ Familienleben kennenlernen durften. Scientology möchte aus den Kindern neue „Herrschaftsmenschen“ heranzüchten, die die Welt beherrschen sollen, eine Welt in der es z.B. keine kranken, behinderten, schwachen Menschen geben darf.

Kurt-Helmuth Eimuth sieht dieses ähnlich. „Die Kinder werden von klein auf in ein gedankliches System gequetscht, das sie einer zum sozialen miteinander verpflichteten Gesellschaft entfremdet. Scientology lehrt wie kaum eine andere Organisation den nackten Sozialdarwinismus. Dies verträgt sich mit dem Anspruch, mündige, soziale, verantwortungsbewusste Menschen zu erziehen, so wie Licht und Schatten. Entweder werden Kinder zu kritischen, selbständig denkenden Erwachsenen, oder sie werden zu einer Art scientologischer `Übermensch´, die andere Menschen `handhaben´, kontrollieren wollen.“(35)

Die Fragen, die offen bleiben aufgrund von fehlenden Untersuchungen, sind für mich, wie ein Mensch lebt, handelt fühlt und denkt, der in Scientology aufgewachsen ist bzw. kann dieser Mensch überhaupt von Scientology unabhängig agieren.(36) Diese Fragen können momentan nur Aussteiger beantworten, die aber selber nicht in das „System Scientology“ hineingepaßt haben, sie können auch nicht ganz die Frage klären, wie ein Mensch, der in das System hineinpaßt, handelt oder sich dabei fühlt. Die Frage ist, ob so ein Mensch überhaupt „herangezüchtet bzw. -erzogen“ werden kann. Leider müssen diese Fragen offen bleiben.

Quellennachweise:

1Vgl.: Arbeitsgemeinschaft der österreichischen Seelsorgeämter. Referat für Weltanschauungsfragen; Kinder in Sekten „Die 2. Generation“ in: Werkmappe „Sekten, religiöse Sondergemeinschaften, Weltanschauungen“ Heft Nr. 76 Wien, S. 27

2New Era Publications, Kinder: ein Auszug aus dem Scientology-Handbuch, Kopenhagen, 1994, S. 2

3New Era Publications, Kinder: ein Auszug aus dem Scientology-Handbuch, Kopenhagen, 1994, S. 3

4Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997, S. 71

5Hubbard, L. Ron; Dianetik, Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit , Das Handbuch der Dianetik Verfahren

Kopenhagen, 1986, S. 169

6Hubbard, L. Ron; s.o. S. 201

7Vgl.: Eimuth, Kurt Helmuth, 1997; s.o. S.67

8Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 67

9New Era Publications, 1994; s.o. S. 28

10Vgl.: New Era Publications, 1994; s.o., S. 28 f. und Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997, s.o. S. 101

11Vgl. Eimuth, Kurt Helmuth, 1997; s.o.S. 69f

12New Era Publications, 1994; s.o., S. 16

13Vgl.: New Era Publications, 1994; s.o., S. 17

14New Era Publications, 1994; S. 17

15New Era Publications, 1994; S. 19f.

16New Era Publications, 1994; S. 22

17Vgl.: Eimuth, Kurt- Helmuth, 1997; S. 72f

18Sonntag-Kuntze, U.S;. Ausarbeitung über die gefahren, die bei dem Kontakt zwischen

Scientologen und Kindern entstehen können, Schriftsatz ohne Jahr, S. 16; zitiert nach: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997, s.o. ; S. 77

19Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 77f.

20Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S.78-83

21New Era Publications, 1994; s.o. S. 8f.

22Vgl. New Era Publications; 1994 ; s.o. S. 14

23Vgl. New Era Publications, 1994; s.o. S. 10

24New Era Publications, 1994; s.o. S.14f.

25New Era Puplications, 1994; s.o. S.10

26Sonntag -Kuntze, U.S.; Ausarbeitung über die Gefahren, die bei dem Kontakt zwischen Scientologen und Kindern entstehen können, Schriftsatz o.J., S:11 zitiert nach: Eimuth, Kurt-Helmuth,1997; s.o., S. 83

27Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 86

28 „Enturbulieren: Etwas `turbulent´ (wirbelnd ´, stürmisch, aufrührerisch) machen, verwirren, aufregen oder durcheinanderbringen“ Hubbard, Handbuch für den Ehrenamtlichen Geistlichen, Kopenhagen 1980, S. 754; zitiert nach Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o., S. 91

29Anonymus, Entkommen-Eine Ex Scientologin erzählt, Reinbeck bei Hamburg, 1993, S.108f.;zitiert nach: Kurt-Helmuth Eimuth, 1997; s.o. S. 90f.

30Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 83

31Sonntag-Kuntze, U.S.; a.a.O. Anhang; zitiert nach: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 83

32Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 84

33Vgl.: Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe für Fragen sog. Jugendsekten und Psychogruppen vom 30.6.9, Drucksache 11/4643, S. 33; verglichen nach : Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 84

34Potthoff, Norbert, Im Labyrinth der Scientology, Bergisch Gladbach, 1997; S. 136

35Eimuth, Kurt-Helmuth 1997;s.o. S. 109f.

36 Vgl.: Arbeitskreis „Contra Scientology“, Referat: Probleme der scientologischen Kindererziehung, o.J.; Bundeinnenministerium Bayern:“Was ist Scientology?“

Das Kurssystem der Scientology – Organisation „Die Brücke zur völligen Freiheit“

weg

Scientology Broschüre

Ein erster Kontakt zu Scientology kann entstehen durch persönliches Ansprechen auf der Straße, Handzettel, die verteilt werden, Wurfsendungen, Anzeigen, Bücher und Zeitschriften. Zur Zeit verteilt die Scientology Organisation u.a. die Broschüre „Der Weg zum Glücklichsein“. Das Ziel Scientologys ist es, hierbei Neugier bei den angesprochenen Menschen zu wecken.(1)

Scientology stellt sich in der Öffentlichkeit als eine Hilfe zum Leben, als eine Lebensberatung dar. Damit macht sich Scientology zunutzen, dass viele Menschen keine ausreichenden Bewältigungsstrategien für Probleme und Unsicherheiten in ihrem persönlichen Umfeld finden. „In dem Scientology die Erfüllung elementarer Wünsche (z.B. persönliche Stärke und Erfolg, Gesundheit, Intelligenz, Durchsetzungsvermögen) verspricht, stellt sie sich `zunächst einmal als eine Art Lebensberatung dar´. Jedem wird suggeriert, dass Scientology ihm einen Weg zur Meisterung seiner individuellen Lebenssituation aufzeigen kann.“(2)

Für Werbekampagnen benutzt die Scientology-Organisation ein Bild von Albert Einstein, das diesen vor dem Universum zeigt. In einem Werbetext von Scientology, der zum Kauf des Buches „Dianetik“ anregen soll, heißt es unter anderem. „Die großen Männer, wie Albert Einstein, wußten es („das wahre geistige Potential“; Anmerkung der Verfasserin) auszuschöpfen. Aber wir Alltagsmenschen nutzen nur 10% unseres wahren geistigen Potentials. In seinem Buch DIANETIK zeigt L. Ron Hubbard erstmals, warum wir bisher auf 90% unseres kostbaren Gutes verzichten mußten… Ihr wahres geistiges Potential ist zu wertvoll, um ungenutzt zu bleiben. Bestellen Sie deshalb das Buch Dianetik mit der umseitigen Karte.“

Ein weiters Werbemittel neben dem Anbieten zum Verkauf von Büchern ist ein kostenloser Persönlichkeitstest, der als „Oxford Capacity Analyse“ (OCA) oder als „Oxford-Persönlichkeits-Analyse“ bezeichnet wird. Dieser Persönlichkeitstest beinhaltet 200 Fragen, die unterschiedliche Problembereiche aber auch alltägliche Dinge beinhalten. Die Fragen sind mit überwiegend ja bzw. ganz klar ja; unsicher, vielleicht, weder klar nein noch ja oder mit überwiegend nein bzw. ganz klar nein zu beantworten. Fragen, die in diesem Test gestellt werden sind z.B. Frage 3: “Blättern sie einfach zu Ihrem Vergnügen in Eisenbahnfahrplänen, Telefonbüchern oder Wörterbüchern?“, Frage 11: „Ist Ihre Stimme eher gleichbleibend als abwechslungsreich?“, Frage 23: „Nehmen Sie es anderen Leuten übel, wenn sie sich bemühen, Ihnen zu sagen, was Sie tun sollten?“, Frage 92: “Sind sie ein langsamer Esser?“, Frage 118:“ Lächeln Sie oft?“, Frage 188: “Ist Ihnen der Gedanke an dem Tod oder sogar nur die Erinnerung an den Tod zuwider?“, oder Frage 181: „Denken Sie oft über Ihre eigene Minderwertigkeit nach“.

Das Auswertungsgespräch findet persönlich in einer Scientology-Zentrale statt. Der Gesprächsleiter bzw. der Auswerter des „Persönlichkeitstest“ hat nach einer wortwörtlich festgelegten und auswendig gelernten Vorlage, die klare Anweisungen enthält, das Gespräch zu führen. Der Tester sucht sich bei Klienten in dem Gespräch Schwachstellen seiner Persönlichkeit (sog. Ruinpunkte). Dafür wird ein vermuteter Problembereich der Testperson angesprochen. Um die Schwachstellen der Testperson zu entdecken, beobachtet der Tester genau die Körperreaktionen seines Gegenübers. „Jede kleinste Reaktion, die auf Irritation oder Verunsicherung hinweist, wird registriert und zum Anlaß genommen, diesen Bereich näher ins Visier zu nehmen.“(7) Dadurch kann der Tester verschiedene Problembereiche der Testperson ausgrenzen. Dieses geschieht jedoch sehr geschickt, so dass die Testperson nicht in der Lage ist, es zu durchschauen. Irgendwann während des Gesprächs gelangt der Tester zu einem wunden Punkt bei der Testperson, bzw. auf ein Problem oder eine problematische Lebenssituation und analysiert und bietet dem „potentiellen Kunden“ daraufhin weitere Kurse an, damit er dort diese Defizite aufarbeiten kann. Da die Testperson durch dieses ganze Gespräch beeindruckt ist, wird sie offen für die ihr weiterführenden angebotenen Kurse, die nicht mehr kostenfrei sind.(8)

Dieses Testangebot ist für Scientology somit ein „Lockvogelangebot“, das die interessierten „Kunden“ in das Kurssystem und in Scientology einführen soll. Diese Einführung geschieht jedoch nach und nach. Mit jedem neuen absolvierten Kurs erfährt ein „Scientologe“ mehr über die Inhalte, auch die Ideologie bzw. Ziele Scientologys. (9)

Das Kommunikationstraining bzw. -kurs findet meistens nach der Durchführung des „Persönlichkeitstest“ statt, jedoch muß bei dem „Kursteilnehmer“ ein gewisser Grad an „Glaubensbereitschaft“ vorhanden sein. Dieser Kurs ist relativ kostengünstig und eignet sich auch aus diesem Grund als Einstieg.(10)

Der Kommunikationskurs besteht aus zwei Teilen: einmal dem theoretischen Teil, in dem ein Teil der scientologische Kunstsprache eingeübt wird und einmal dem praktischen Teil, der mehrere Übungen, Trainingsroutinen (TRs) beinhaltet.(11)

Die scientologische Kunstsprache besteht aus redifinierten Wörtern und aus neuen Wortschöpfungen. Einige Beispiele für das Neu-definieren von Wörtern, die dem scientologischem Wörterbuch entstammen, sind:

„`Datum´: ein Stückchen Wissen, etwas Gewußtes

`Wort´: 1. ein symbolischer Geräuschcode des physischen Universums im Aktions- oder statischem Zustand…

2. Ein Wort ist ein ganzes Gedankenpaket

3. Wörter sind nur Symbole, die für Handlungen stehen

4. Wörter sind Laute in Silbenform…;

`Ethik´: Vernünftigkeit in bezug auf die höchste Ebene des Überlebens für den einzelnen, die zukünftige Rasse, die Gruppe und die anderen Dynamiken zusammengenommen.“(12)

Der praktische Teil enthält, wie oben schon erwähnt, mehrere Übungen. Diese werden von Teilnehmern und späteren Aussteigern als positiv beurteilt. Durch diese positiven Erfahrungen ist dieser Kursus häufig ein Sprungbrett zu einer „scientologischen Kariere“, denn diese positiven Erfahrungen festigen den angeworbenen Menschen, das Scientology ihm bei seiner Problembewältigung helfen kann.(13)

An dieser Stelle sollen exemplarisch einige Übungen aus dem Kursus dargestellt werden:

„ Zuerst sitzen sich beim gewöhnlichen TRO (…) die `Studenten´ in einem Meter Abstand gegenüber mit geschlossenen Augen und versuchen einfach `da zu sein´!

Auf der nächsten Stufe `TR0 Konfrontieren´ sind die Augen geöffnet und man starrt sich gegenseitig in die Augen… Früher wurde auch das leiseste Blinzeln mit einem korrigierenden `Flunk´ (flunk, engl. durchgefallen) geahndet.

Die dritte TR0 ist das `TR0 Reizen´ … Dabei soll der Trainingsabsolvent sich durch nichts vom TR0 abbringen lassen. Er soll durch nichts aus der Fassung geraten…

Beim sogenannten TR1 wird anhand von `Alice im Wunderland´ geübt, Sätze in direkter Rede als Befehle zu übermitteln.

TR2 beinhaltet das sogenannte `Bestätigen´, jene typische scientologische Methode, als Zeichen der Affinität erst einmal `Gut! Fein! O.K.! usw.´ zu sagen.

TR3 ist durch die Fragen `Schwimmen Fische´ bzw. `Fliegen Vögel´ bekannt geworden. Der `Student´ soll immer wieder die Frage stellen, eine direkte Antwort bekommen, diese Antworten bestätigen und sich nicht abbringen lassen.“

TR4: “Der `Student´ soll lernen auf die seltsamsten Zwischenbemerkungen nicht zu sprachlos oder erschreckt zu reagieren, sondern das Gegenüber…zur Sache zurückzuführen.“ Beispiele für Zwischenbemerkungen: “Ich habe ein Zucken im Bein; Sie haben aber wirklich ein schönes Büro hier;… Laß uns Händchenhalten, Küß mich!; Moo Gum War Sue Up; Fissel Wissel Bam Kramm.“(14)

Die einzelnen Kursstufen werden in mehreren aufeinanderfolgenden Sitzungen so lange gedrillt, bis sie hundertprozentig sitzen. Das eigentliche Ziel dieses Kurses soll sein, mit perfekter Methode alle Schwierigkeiten in der Beziehung zu anderen Menschen zu lösen.(15)

Psychologisch betrachtet wird der Teilnehmer des Kursus hier nicht nur in die scientologische Lehre eingeführt, sondern der Teilnehmer hat das Gefühl, nach diesem Kursus ein Maß an Sicherheit durch Fremd- bzw. Selbstkontrolle im Umgang mit anderen Menschen erlangt zu haben. Durch dieses Wohlgefühl entsteht wiederum eine tiefere Abhängigkeit zu Scientology.(16) Desweiteren stellten Kritiker fest, dass der Kursteilnehmer lernen soll, sich kritiklos zu fügen. Auch wird das Ertragen von Extremsituationen hier trainiert. Es scheint so, daß die Teilnehmer am Ende des Kursus die Fähigkeit entwickelt haben, viele Situationen emotions- und regungslos zu erleben. In dem weiteren Kurssystems Scientologys lernen die Scientologen, immer mehr ihre Emotionen „in ein Korsett zu zwingen“.

In dem Buch „Im Labyrinth der Scientology“ von Norbert Potthoff beschreibt dieser sehr klar seine Glücksmomente bei einer Trainingsroutine während seines absolvierten Kommunikationskurs. “Mir (Norbert Potthoff; Anmerkung der Verfasserin) wackelt der Kopf schwinden fast die Sinne. Ihr Gesicht (das Gesicht der Trainingspartenerin Lena; Anmerkung der Verfasserin) löst sich auf, wird zur Fratze, wird schemenhaft, fügt sich wieder zusammen und verschwindet erneut. Fast möchte ich einen Angstschrei ausstoßen. Das ist alles nur Einbildung, sage ich mir, und biete meine ganze Kraft auf, um in der …Gegenwart zu bleiben, doch je mehr ich mich gegen diesen Einfluß der unheimlichen Kraft wehre, um so mehr schwinden mir die Sinne. Zeit und Raum haben aufgehört zu existieren. Lenas Gesicht schwebt vor mir, unwirklich und schmerzhaft wirklich zugleich. Irgendwo zucken Erinnerungen an längst vergessene Erfahrungen. Schwarzer Afghane, zerbröselt zwischen Tabak, tief inhaliert. Verlust von Raum und Zeitgefühl. Drogen.

Entspannt und gelassen sitze ich Lena gegenüber, sehe nur sie und bin vollständig in der Gegenwart. Meine überreizten Sinne haben sich beruhigt und eine liebevolle Gelassenheit hat sich wohltuend in mir ausgebreitet. Ich schaue nach vorne in Lenas Gesicht und habe dennoch den Eindruck, mein Blickwinkel umfasse volle 360 Grad. Es begann mit einem Gefühl, als würde ich wie ein kleines Bäumchen aus dem Boden gezogen. In einer Art von leichter Trunkenheit löst sich mein Geist vom Körper. Ich fühle mich frei, als hätte ich Ballast abgeworfen und könnte die ganze Welt in einer zärtlichen Geste umarmen. Nun kann ich nachempfinden, warum die Erfolgsberichte auf dem Flur so überschwenglich waren.“(17)

Als nächste Stufe die zur „Abhängigkeit von Scientology“ erfolgen kann, folgt meistens der sogenannte Reiningungs-Rundown. In diesem Kursus muß der Teilnehmer eine große Anzahl von Vitaminen zu sich nehmen und mehrere Besuche in der Sauna abhalten. Dieses wird als nötig erachtet, da der Körper bzw. Thetan von allen Chemikalien befreit und dieser gegen Strahlungseinflüsse widerstandsfähiger werden soll.(18)

Ein ehemaliger Scientologe berichtet hierzu, daß der Kursus durch den täglichen fünfstündigen Besuch der Sauna, der körperlichen Betätigung, z.B. Joggen und der hohen Vitamineinnahme zu Halluzination führt. „Die Staatsanwaltschaft Hamburg sieht den Zweck dieser Behandlung darin, daß offensichtlich ein hormonbedingter Zustand des Wohlbefindens herbeigeführt werden soll, um den Betroffenen von Scientology abhängig werden zu lassen. Damit würde er zum Objekt künftiger wirtschaftlicher Ausbeutung.“(19) Laut Norbert Potthoff dauert dieser Kurs in der Regel circa zwei Wochen.

Desweiteren beschreibt er in seinem Buch ,„Im Labyrinth der Scientology“, wieder die Auswirkungen dieses Kursus auf seine Psyche und seinen Körper. „Tag für Tag erhöht Beate (die Kursusleiterin; Anmerkung der Verfasserin) die Vitamindosis. Inzwischen ist es fast ein ganzes Wasserglas voll, das ich schlucke. Sind Vitamine gefährlich? Ein Satz von Paracelsus fällt mir ein, daß es immer von der Menge abhängt, ob ein Stoff ein Gift sei. Können zu viele Vitamine auch giftig sein? Unsinn, Beate würde mich kein Gift schlucken lassen, dieser Reinigungs-Rundown, das habe ich jetzt mehrfach gelesen, ist wissenschaftlich erforscht.

Silvia (eine weitere Kursteilnehmerin; Anmerkung der Verfasserin) stöhnt gequält, sie klagt über Schmerzen, spricht von Drogen, die sie früher genommen hat, von Operationen. Matthias (ein weiterer Kursteilnehmer; Anmerkung der Verfasserin) sitzt meist dumpf vor sich hin brütend in der Ecke, äußert sich kaum. Alle leiden wir durch die hohe Niacindosis, die schon bald bei 2.000 mg pro Tag liegt. Wir haben starke, juckende Hautrötungen, seltsamerweise nur dort, wo der Körper je Sonnenstrahlen abbekam… Beate hatte uns darauf vorbereitet, daß der Körper die UV-Strahlung wieder abgäbe. Nach einigen Tagen erreicht Silvia einen Wahnzustand, der uns angst macht. Sie phantasiert und gestikuliert, klagt über Schmerzen und will sich von niemanden anfassen lassen….

Matthias und ich beenden unser Programm, nachdem wir gelernt haben, mit großem Gleichmut die Hitze auch über Stunden zu ertragen. Wir kichern nur noch und fühlen uns total aufgedreht und unternehmenslustig. Als ich Beate von meiner unbändigen Energie und Lebensfreude berichte, habe ich das Endphänomen des Programms erreicht und kann abschließen.“(20)

Die hohe Niacin-Dosis (die Tagesdosis eines Erwachsenen liegt bei bis zu 20 mg), die die Scientologen zu sich nehmen, hat eine stark gefäßerweiternde Wirkung.(21) Sie ist vermutlich auch mitverantwortlich für die Halluzinationen, die Norbert Potthoff in seiner oben aufgeführten Ausführung beschreibt. Auch treten durch das Niacin starke allergische Reaktionen auf, die sich durch Hautrötungen zeigen. Chemiker sollen sogar mögliche irreparable Schäden an Leber und Niere beobachtet haben.(22)

Dieses sind nur einige von den Kursen, die auf dem Weg zur völligen Freiheit beschritten werden müssen. Im folgenden geht es um die zentrale Dienstleistung in Scientology, dem Auditing.(23)

Das Auditing ist in dem Buch „Dianetik“ näher beschrieben. Dabei handelt es sich um eine Gesprächsform, die Hubbard selbst dianetische Therapie genannt hat. Der Begriff Auditing stammt von dem lateinisch Wort audire (=hören) ab.

Norbert Potthoff versteht im weitesten Sinne unter dem Auditing eine Gesprächstherapie, die im Kern dem Beichtverfahren der Katholiken am ähnlichsten zu sein scheint. Ein großer Unterschied besteht darin, daß Auditing von Laien durchgeführt wird und das nicht der „Beichtende“ mit dem Auditing beginnt, sondern der „Gesprächsleiter“, der Auditor (= Zuhörer). Der Auditor bestimmt auch, was in den Sitzungen, die Session genannt werden, durchgearbeitet werden muß.24 „Die anfänglichen Erfolge und positiven Auswirkungen beruhen ausschließlich auf der Ähnlichkeit zur Gesprächstherapie.“(25) Im Gegensatz zur Beichte wird alles, was der Preclear (jemand der sich auditieren läßt, aber noch kein Clear ist), erzählt festgehalten

Auch ist es für den Preclear angenehm, daß er seine Probleme erzählen kann ohne getadelt zu werden oder ohne gute Ratschläge zu bekommen. Dies ist jedoch nur während der Einstiegsphase so. Befindet sich der Preclear fest im System, so beginnt Scientology mit einer Änderung der Taktik.(26)

Der Preclear wird nach dem ihm belastenden Problemen befragt und, er erzählt was ihm dazu einfällt. Alle Ereignisse des Lebens werden chronologisch auf einer Zeitspur aufgezeichnet. Wie oben schon erwähnt, werden die Ereignisse, die dem Preclear Schmerz bereiten, Engramme genannt. Ein zweites Ereignis, das den Preclear an ein Engramm erinnert, wird Secondary genannt. Jedes weitere Ereignis, was den Preclear an den Moment des Schmerzes erinnert, wird Lock genannt.

Diese drei Umstände bilden Ketten, die aus vielen Bild- und Emotionsinformationen bestehen. In diesen Ketten sind nach Hubbard Energien gespeichert, die dem Menschen in der Gegenwart fehlen.(27)

Es gibt nach Norbert Potthoff zwei unterschiedliche Arten von Auditings. Zum einem das Dianetik Auditing und zum anderen das Scientology Auditing. Beim Dianetik Auditing wird der Preclear ohne technische Hilfe auditiert. Beim Scientology Auditing bedarf sich der Auditor dem Hilfsmittel des E-Meters.(28)

Allgemein wird der Preclear zu einer Lock-Kette geführt. Der Preclear erzählt so lange, bis er bei dem Secondary bzw. bei dem Lock angekommen ist. Da diese Erfahrungen für den Preclear sehr belastend waren und ihm Schmerzen bereiten, weint und schreit er. Der Auditor bittet den Preclear immer wieder zu der schmerzlichen Erfahrung „zurückzukehren“, bis er anfängt zu lachen und die Situation bzw. die Kette gleichgültig betrachten kann. Die Scientologen bezeichnen dann das Engramm als gelöscht, da der Preclear „positive Emotionen“ gezeigt hat. Wenn alle Engramme des Lebens gelöscht worden sind, dann ist aus dem Preclear ein Clear geworden, den im alltäglichen Leben nichts mehr belasten soll, und für den alles nur komisch und unwichtig erscheint.

Beim Scientology-Auditing wird wie oben schon erwähnt ein E-Meter verwendet. Der E-Meter ist ein Hautwiderstandsmesser, der einem Lügendetektor ähnelt. Er besteht aus zwei Weißblechdosen, die der Preclear jeweils in eine Hand nimmt. Dieses Dosen sind an dem eigentlichen Gerät angeschlossen. Der Auditor bedient das Gerät mit den Justierungsschaltern. Das Kernstück des Geräts ist eine Skala mit einer Nadelanzeige, die anzeigt, wie bzw. wieviel Strom fließt oder wieviel Widerstand beim Preclear entsteht. Diese Skala befindet sich außerhalb des Sichtfeldes des Preclears. Zum Beginn der Sitzung justiert der Auditor die Nadel, so daß sie mit leichter Bewegung in der Mitte steht. Das Zählwerk des E-Meters wird auf Null gestellt. Jetzt erst beginnt der Auditor, wie oben beschrieben, mit der Befragung. Zeigt der Preclear Gefühle oder regt er sich auf, schlägt die Nadel aus. Der Auditor justiert mit einem Schalter, die Nadel nach, das Zählwerk zählt diese Nachjustierungen mit. Der Auditor nennt die Strecke, die die Nadel während einer Auditing Sitzung zurücklegt, die Tonarmbewegung. Sie gibt dem Auditor Aufschluß über den Erfolg bzw. Mißerfolg.

Der E-Meter soll angeblich geistige Masse messen, die durch die jeweilige Frage kontaktiert wird. Diese soll, wie beim Dianetik Auditing, gelöscht werden. Lacht der Preclear zum Ende der Sitzung, steht die Nadel in einem bestimmten Zonenbereich. Dieses wird dann „schwebende Nadel“ genannt und zeigt meistens das Ende der Sitzung an.(29)

„Wichtig ist noch festzuhalten, dass das `Auditing´ in einem Zustand der `Sammlung´ des `Preclear´ abgehalten wird. Kritiker behaupten, daß der `Preclear´ sogar hypnotisiert wird. Richtig ist, daß der Ablauf des Verfahrens tatsächlich stark an Methoden der Hypnosetechnik erinnert.“(30)

Sterben im Auditing

„ `Was fühlst du?´

`Nichts.´

`Danke! Wiederhol das bitte.´

`Nichts.´

`Gut! Noch einmal.´

`Nichts.´

`Prima! Noch einmal.´

`Nichts, nichts, nichts, nichts.´

Erschöpft halte ich inne.

`Danke´, dringt Marions (die Auditorin; Anmerkung der Verfasserin) Stimme wie durch eine Wolkendecke irgendwo in mein Bewußtsein. … Inzwischen hatte ich auch selbst meine Schulung zum Auditor abgeschlossen, und die Rituale zu Sitzungsbeginn waren mir alle vertraut: die Augen zu schließen, sich in Sammlung zu begeben. Dann fragte der Auditor nach dem Befinden, ob es einen Grund gibt, die Sitzung nicht zu beginnen, setzt den Löscher(31) und sagt: `Dies ist die Sitzung.´…

`Mir ist kalt´, klage ich.

`Fein. Wiederhole das bitte.´

`Mir ist kalt!´

Meine Haut zieht sich schmerzhaft zusammen, Lichtreflexe explodieren auf der Netzhaut.

`Okay. Wiederhol das bitte.´

Ruhig und gelassen kommt Marions Aufforderung. Ich halte die Augen geschlossen, obwohl ich jetzt gern geraucht hätte. Eine nervöse Anspannung in mir sucht nach einem Ventil. Wie lange sitzen wir hier schon?

`Mir ist kalt.´

`Danke! Noch einmal.´

`Mir ist kalt, mir ist kalt, mir ist kalt, mir ist kalt.´

`Danke. Warum ist dir kalt?´

Warum ist mir kalt? Graugrünes Licht wabert vor meinen Augenlidern. Was soll ich antworten?

`Ich wiederhole meine Auditinganweisung. Warum ist dir kalt?´

Marion läßt nicht locker. Sie will eine Antwort. Immer wieder fragt sie, warum mir kalt ist. Ich fühle mich den drängenden Fragen, den ständigen Wiederholungen hilflos ausgeliefert. Ein Aufbegehren, ein Ausstieg aus der Sitzung würde das Ende bedeuten. Wenn ich die Gesetze des Auditings in Frage stelle, dann muß ich Scientology insgesamt in Frage stellen. Graugrünes Licht. Graugrünes Wasser? Ich beginne, wild zu assoziieren. Im Wasser ist mir immer kalt.

`Ich wiederhole die Auditinganweisung. Warum ist dir kalt?´

Entschlossen antworte ich: `Weil ich mich im Wasser befinde.´…

`Was hörst du? Was fühlst du? Was riechst du? Was schmeckst du?´

Ihre Fragen hämmern auf mich ein. Sie geht die Sinneseindrücke durch, um einen weiteren Zipfel meiner Erinnerung zu erhaschen. Angestrengt horche ich in mich hinein. Wenn ich mich im Wasser befinde, dann müßte ich doch etwas hören.

`Ich höre die Brandung´, antworte ich entschlossen, und tatsächlich verspüre ich etwas, das eine Meeresbrandung sein könnte. Fast schon glaube ich, die Salzluft zu schmecken und den Fischgestank zu riechen. Marion hat nun den Strang in der Hand und läßt mich tiefer und tiefer in den dunklen Schacht meines Unterbewußtseins hinab. Meine Abwehr wird von mal zu mal schwächer. Ich suche nach plausiblen Erklärungen, und immer mehr Bilder schieben sich vor mein geistiges Auge.

Ein stechender Schmerz zuckt durch meinen Arm.

`Was fühlst du?´

`Schmerz.´

`Danke! Wo fühlst du den Schmerz?´

`Im Arm.´

`Fein. Was ist mit deinem Arm?´

`Weiß nicht, er tut weh.´

`Gut. wiederhole bitte: Er tut weh.´

`Er tut weh.´

`Danke! Noch einmal.´

`Er tut weh, er tut weh, er tut weh.´

`Prima! Wo befindest du dich jetzt?´

Mir ist kalt, mein Arm schmerzt, und ich fühl mich hilflos und allein, wie auf dem Boden eines kalten grünen Sees.

`Ich wiederhole meine Auditinganweisung: Wo bindest du dich jetzt?´

`Auf dem Boden eines kalten, grünen Sees´, antworte ich instinktiv und dumpf. Suche ich nach logischen Erklärungen, versuche ich, die Bilder zu verknüpfen? Immer noch versuche ich die Kontrolle über mich zu behalten, doch ich merke, wie mir langsam die Fäden aus der Hand gleiten. Tiefer und tiefer sinke ich, und ich flüstere es auch.

`Wohin sinkst du?´

`Unter Wasser.´

Eine hermetisch geschlossene Glocke stülpt sich über mich, ich atme stoßweise, wie unter einer schweren Belastung. Das graugrüne Licht wird dunkler… Die Dunkelheit nimmt zu und ich schalte die Lampe ein. Voller Ekel pralle ich zurück, als ich im Licht der Lampe Leichenteile sehe… Was geschieht mit mir, wo bin ich? Mein Körper dreht und wendet sich im Sessel, so wie ich mich im Wasser drehe und winde… Ich beginne, fieberhaft nach dem geringsten Anhaltspunkt zu suchen, der mir diese Merkwürdigkeiten meines Unterbewußtseins erklären könnte. Es ist hoffnungslos. Je mehr ich mich gegen das Grauen stemme, das sich meiner bemächtigt, desto stärker betäubt es meine Sinne. Immer wieder ist es die Stimme, die mich zwingt, hinzusehen, wahrzunehmen, was um mich herum geschieht, was ich dabei fühle, schmecke, rieche. Diese Stimme, die mich fordert meine Angst preiszugeben, meinen Ekel zu beschreiben, meiner Hoffnung, diesem Grauen entrinnen zu wollen, zu entsagen. Mit jeder Sekunde nimmt der alptraumhafte Schrecken zu, aber noch immer habe ich die Hoffnung, daß dieses Erlebnis ganz oder teilweise ein Hirngespinst meiner überreizten Sinne darstellt. Es ist nicht wahr, ich kann nicht mehr.

`Wiederhole bitte: Ich kann nicht mehr.´

`Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr.´

Was kann ich nicht mehr? Ich will aufgeben. Was will ich aufgeben? Was ist meine Aufgabe? Über mir ist das graugrüne Licht, ich will nach oben, an die Oberfläche, aber zwischen mir und dem Licht schwebt ein dunkler Schatten wie ein großes böses Tier. Dieser Schatten hindert mich daran wieder aufzutauchen, ehe meine Aufgabe erfüllt ist. Was ist meine Aufgabe. Meine Gedanken arbeiten fieberhaft. Wenn ich annehme, daß ich bei Verstand und wachen Sinnes bin, dann habe ich die Zeitgrenzen überschritten, dann berühren sich Vergangenheit und Gegenwart… Ich wehre mich nicht länger gegen die drängende Stimme, denn ich weiß nun mit aller Klarheit, wo ich mich befinde.

Es ist Krieg. Unser Schiff steuert durch den Ozean, ich weiß nicht welchen. Der dunkle Schatten des Schiffsrumpfes im grauen Licht über mich erinnert mich an meine Aufgabe… Schwere Stahltrossen haben sich in die Schiffsschraube verwickelt hindern das Schiff an der Weiterfahrt. Ich muß sie herausschneiden, habe mich verpflichtet zu helfen… Ich weiß nicht genau wie, aber als ich das Stahlseil auseinanderschneide, reißt es mir den Arm ab. Entsetzt und wie gelähmt, erlebe ich den Verlust meines Armes, erlebe meinen Tod in den eiskalten Fluten.

`Danke! Was ist mit deinem Arm?´

`Der ist weg´, antworte ich gleichgültig. `Mein Arm ist weg, und mir ist kalt.´

Mir ist elend und zum heulen. Salzwasser kommt mir auf die Lippen, mischt sich mit meinem Speichel. Hysterisches Schluchzen schüttelt mich plötzlich. Tränen. Salzwasser. Auf dem Boden eines kalten, grünen Sees. Ich ertrinke!

Eine Weile ist es still, keine neuen Fragen mehr. Ich gebe mich dem haltlosen Weinen hin… Mein Bewußtsein hat sich träge gespalten. Da sind irgendwo Stimmen im Raum, aber die gehen mich nichts an. In Wirklichkeit treibe ich tot und kalt ohne Arm in kaltem, grünem Salzwasser. Armer Norbert! Tot und kalt. Erneut schluchze ich verzweifelt auf, im Angesicht meines eigenen Todes. … Irgendwo kichert es in mir, ich fühle mich ein weiters mal geteilt, betrachte den im Wasser treibenden Körper. Habe mich gelöst von seinem Schmerz und seiner Trauer. Nun kichere ich vernehmlich. Laut und deutlich sage ich: `Tot und kalt, ohne Arm in kaltem, grünen Salzwasser!´ Warum sage ich das? War das meine Stimme? Wer bin ich? Wo befinde ich mich?

`Wiederhol das bitte!´

Ich kichere in mich hinein… Warum bin ich tot? Ach ja, der abgerissene Arm! Wie habe ich den Arm verloren? Marions Stimme fordert mich immer wieder auf, etwas zu sagen, weiterzusprechen, wenn ich stocke. Wiederhole das bitte. Wiederhole das bitte. Wiederhole das bitte. Endlos. Zeitlos. Die eigene Realität geht unter in endlos langen Wiederholungen: Gehe zum Anfang des Geschehens. Danke. Gehe durch das Geschehen. Danke. Was fühlst du? Danke.

Zweifel an der eigenen Realität. Wer bin ich wirklich? Wo befinde ich mich? Gefühle kommen hoch. Immer wieder werde ich nach Gefühlen gefragt.: Was fühlst du? Mir ist elend, ich fühle mich einsam und verlassen. Niemand steht mir bei!

`Danke. Was fühlst du?´

Ist ja nun vorbei und aus. Kein Arm, keine Freunde, einfach tot, kalt im Wasser. Ha! Soll ich mich darüber etwa aufregen? Ist ja zu komisch!

`Ich wiederhole meine Auditinganweisung: Was fühlst du?´

`Ist ja zu komisch.´

Lachen schüttelt mich nun. Ich bin tot, und ich bin lebendig. Irgendwie ist das in Ordnung.

`Möchtest du noch etwas mitteilen?

`Nein.´

`Danke. Gelöscht. Ich werde jetzt langsam von eins bis zehn zählen. Wenn ich mit dem Finger schnippe, kannst du die Augen öffnen und du wirst dich munter und erfrischt fühlen.´“(32)

Da das Auditing von „Laien“ durchgeführt wird, ist es fraglich, inwieweit sie mit der oben beschriebenen oder ähnlichen Situation umgehen, bzw. eine Unterstützung für die „auditierte Person“ darstellen können. Der Auditierte wird nach dem Auditing mit seinen vermutlich überwältigenden Gefühlen alleingelassen, auch die Verarbeitung der Situation obliegt ihm allein. Der Auditor betrachtet das Problem als gelöscht und somit als nicht mehr existent. Die Erinnerungen Norbert Potthoffs widersprechen dieser Ansicht. In dem Epilog, „Ausbruch aus dem Teufelskreis. Sieben Jahre Scientology-sieben Jahre danach“, seines Buches schreibt er: „Während ich dieses Buch schrieb und – wenn auch nur im Geiste – dabei noch einmal meinen Weg durch Scientology ging, war die Herausforderung größer, als ich angenommen hatte. Bewußt hatte ich einige Jahre verstreichen lassen, um Ruhe und Abstand zu gewinnen, aber dann erlebte ich in erschütternder Intensität alles noch einmal. Angst, Wut, Ekel, Schweißausbrüche, besonders als ich mein damaliges Auditing beschrieb, begleiteten mich über einige Monate.“(33)

Der Clear ist aber nur eine Etappe auf dem Weg zur völligen Freiheit. Der Thetan ist an dieser Stelle nur ein Clear der 1. Dynamik. An dieser Stelle ist es notwendig einen weiteren Aspekt der Ideologie der aus Verständigungsgründen, in dem obigen Abschnitt, nicht aufgeführt wurde zu erklären.

Laut Hubbards-Lehre ist der einzige Befehl des Menschen „Überlebe“. Daraus ergab sich für Hubbard das Dynamische Prinzip, das mit Hilfe der acht Dynamiken durchgeführt wird. Das Buch Dianetik beschäftigt sich mit den ersten vier Dynamiken. In Scientology kamen später die weiteren Dynamiken hinzu.(34)

Die Dynamiken im Überblick:

„ 1. Dynamik: Überleben als Einzelperson

2. Dynamik: Überleben durch Geschlechtsakt, Zeugung und Aufziehen von Kindern

3. Dynamik: Überleben als Gruppe

4. Dynamik: Überleben als Menschheit…

5. Dynamik: Überleben für Tiere und Pflanzen

6. Dynamik: Überleben für das materielle Universum

7. Dynamik: Überleben als schöpferisches Wesen

8. Dynamik: Überleben in der Unendlichkeit“(35)

Jeder Mensch ist nach Hubbard auf den einzelnen Dynamiken mehr oder weniger erfolgreich. Deshalb soll der Mensch durch Auditing, in allen Dynamiken perfekt agieren können. Das bedeutet, daß das Auditing auf jeder einzelnen Dynamik das Überlebenspotential der Menschen anheben soll. Die wahre Bestimmung des Menschen liegt oberhalb der achten Dynamik. Der Clear kann in der ersten Dynamik perfekt agieren. Seine weiteren Schwierigkeiten ergeben sich daraus, daß er noch Problem in den weiteren sieben Dynamiken hat.

Quellennachweis:

1Vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Die Scientology-Organisation -Ziele, Praktiken und Gefahren- Bonn, 1996, S. 20

2Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; s.o. S. 21

7Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen; Die Scientology-Organisation Methoden und Struktur, Rechtsprechung, gesellschaftliche Auseinandersetzung, Köln, 1997, S. 17

8Vgl.: Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen; s.o. S. 17

9Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; s.o. S.21- 23

10Ministerium für Arbeit Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen; s.o. S.18

11Minnhoff, Müller; Scientology: Irrgarten der Illusionen, 2. Auflage, München, Dillingen; 1994, S.63

12Hubbard; Fachwortsammlung, S.66 zitiert nach: Minnhoff, Müller; s.o. S.63 f.

13Minnhoff; s.o. S. 64 f.

14Haak, Friedrich Wilhelm; Scientology, S.102; zitiert nach Minnhoff, Müller; s.o. S. 65

15Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen; s.o. S. 18

16Vgl.: Minnhoff, Müller; s.o. S. 65

17Potthoff, Norbert, Im Labyrinth der Scientology Bergisch Gladbach, 1997; S. 55f

18Vgl.: Seiden, Heinrich; Hamernik, Christine; Einsteins falsche Erben, Wien 1992, S. 200 verglichen nach: Minnhoff, Müller, 1994; s.o. S. 62

19 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; s.o. S. 26

20Potthoff, Norbert, 1997; s.o. S.125 f.

21Vgl.: Pschyrembel, S.1170

22Vgl. Potthoff, Norbert, 1996; Scientology Analyse, Materialien für Unterricht, Schulung und Vorträge, 4. Auflage, Krefeld, S. 69 f.

23Vgl.: Potthoff, Norbert, 1996; s.o. S. 71

24Vgl.: Potthoff, Norbert, 1996; s.o. S. 71

25 Potthoff, Norbert, 1996; s.o. S. 71

26Vgl.: Potthoff, Norbert, 1996; s.o. S. 71

27 Vgl. Potthoff, Norbert, 1996; s.o. S. 71f.

28Vgl.: Potthoff, Norbert, 1996; s.o. S. 72

29Vgl. Potthoff; Norbert, 1996; s.o. S. 72 f. und Minnhoff Müller; s.o. S. 47-49

30Minnhoff, Müller; s.o. S. 47

31Hubbard definiert Löscher in seinem Buch Dianetik folgendermaßen: “Es handelt sich um die Übereinkunft mit dem Patienten, dass alles, was der Auditor sagt, vom Patienten weder buchstäblich gedeutet noch sonst irgendwie benutzt werden wird.“ aus: Hubbard, L. Ron; Die moderne Wissenschaft der geistigen Gesundheit, Das Handbuch der Dianetik Verfahren, Kopenhagen, 1986 S. 25

32Potthoff, Norbert, 1997; ss.o. S. 97-105

33Norbert Potthoff, 1997; s.o. S. 287

34Vgl.: Norbert Potthoff, 1996; s.o. S. 86

35Norbert Potthoff, 1996;s.o. S.86

36 Vgl.: Potthoff, Norbert, 1996;s.o. S. 86 f.

37Vgl.: Minnhoff, Müller; s.o. S. 49-52

Bundesinnenministerium Bayern „Was ist Scientology?“