Die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Sekten

Siegfried Hamm hat zu der psychologischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Sekten einige vorläufige Hypothesen entwickelt. Die Hypothesen befassen sich mit den psychischen Folgen, die sich bei der  Erziehung von Kindern in allen Sekten wiederspiegeln. Zusätzlich können sich dennoch andere psychischen Folgen ergeben, die abhängig von den jeweiligen Methoden der Sekten sind. Ich möchte nun hier in meinen Blog seine Hypothesen vorstellen. Ich denke, dass diese grundlegend auch auf Kinder zutrifft, die in Scientology aufwachsen.

Die Erklärungen von Siegfried Hamm (1) sollen an dieser Stelle näher erläutert werden. Damit die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besser zu verstehen ist, denke ich ist es wichtig zuerst über die störungsfreie Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu schreiben. Für eine gesunde Entwicklung sind zwei Voraussetzungen wichtig: Zum einen die innerfamiliären Voraussetzungen und zum anderen ausserfamiliäre Kontakte.

Bei den innerfamiliären Voraussetzungen ist es wichtig, dass die Kinder eine „wertschätzende, von Liebe und Zuneigung getragene Beziehung zu ihren Eltern haben“. Dies ist die Grundvoraussetzung für eine störungsfreie Entwicklung. Die Kinder brauchen eine dem Entwicklungsstand angepasste Förderung und Unterstützung, in dem Bereich ihrer auf Versuch und Irrtum aufgebauten Experimentierlust. Des weiteren benötigen sie, dem Entwicklungsstand angemessen, klare Grenzen und Regeln, die ihnen einen sicheren Rahmen zur Einordnung und Integration neuer Erfahrungen bieten sollten. Zwischen den Eltern und den Kindern soll ein Zusammenspiel stattfinden in einem ständigen Prozess von Veränderungen.

Diese Erziehung soll die geistig-kognitiven Voraussetzungen und Möglichkeiten und die emotionalen Voraussetzungen und Möglichkeiten, die den Alters- und Entwicklungsstand des Kindes entsprechen sollen, berücksichtigen.

Die kindzentrierte Entwicklung versucht aber nicht in autoritärer Weise Kinder frühzeitig an Normen und Konzepte der Erwachsenen anzupassen und den individuellen Erfahrungsraum des Kindes unangemessen einzuschränken bzw. zu unterdrücken. Sie versucht auch nicht, in antiautoritärer Weise aus Kindern gleichberechtigte kleine Erwachsene zu machen, die jede Entscheidung unabhängig treffen können. „Nach übereinstimmenden Erkenntnisstand aus Psychologie, Pädagogik, Medizin und Sozialwissenschaftlern ist die `normale´, unproblematische kindliche Entwicklung gebunden an den emotionellen Zuspruch und die Ermutigung, eigene Erfahrungen sammeln zu dürfen und einen klaren Rahmen zu haben, innerhalb dessen Erfahrungen genutzt (integriert) werden können. Dabei sind die Auseinandersetzungen mit Misserfolgen, die Bewältigung von Frustration und durch das Erleben von zwischenmenschlichen Konflikten notwendiger und unverzichtbarer Bestandteil einer Entwicklung, die Selbständigkeit und Kontaktfähigkeit aufbaut.“(2)

Säuglinge und Babys sind noch in ihren Beziehungen von den Eltern abhängig. Mit zunehmenden Alter gewinnt die Umwelt für ein Kind an Bedeutung. Dabei gibt es dort zwei einschneidende Erlebnisse. Zum einem der Besuch des Kindergartens und zum anderen der Besuch einer Schule. „Gleichaltrige bilden zunächst noch häufig instabil, dann zunehmend kontinuierlicher einen Gruppenkontext, der der familiären Wirklichkeit korrigierend, vergleichend und ergänzend gegenübersteht, diese so ständig herausfordert und den gesamten Wachstumsprozeß lebendig erhält.“(3) Dennoch bleiben die Eltern viele Jahre für die Kinder eine dominante Bezugsperson. Dies bedeutet, dass sich die Persönlichkeit des Kindes weiter an den Eltern orientiert. Während der kindlichen Entwicklung wird diese Dominanz jedoch fortlaufend abgebaut. Eine Ablösung von dem Elternhaus kann aber nur gelingen, wenn eine Umorientierung seitens des Kindes stattfindet. Der Bezug des Kindes zu Gleichaltrigen ist ein wichtiger Bestandteil für die eigene Persönlichkeits-entwicklung. „Im Umkehrschluß ist es aufgrund vielfältiger klinischer Beobachtungen und entwicklungspsychologischen Untersuchungen gerechtfertigt, Schwierigkeiten im Aufbau von tragfähigen Peer-Gruppen-Beziehungen als Ausdruck einer problematischen Familienentwicklung insgesamt und in Folge als Ausdruck einer zumindest in Teilen blockierten Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen.“(4)

Probleme bei der kindlichen Entwicklung ergeben sich zwangsläufig aus enggebundenen Familien. Für diese Familien ist es für das psychische Gleichgewicht der Kinder wichtig, dass die erwachsenen Kinder eng an der Familie gebunden bleiben. Bei diesen Kindern kann nie eine normale Ablösung vom Elternhaus stattfinden. In solchen Familien wird die Umwelt als etwas Bedrohliches angesehen, dieses kann als eine ängstliche Grundeinstellung gewertet werden. Es kann aber auch sein, dass die Umwelt als feindlich angesehen wird, was als aggressive Grundeinstellung bezeichnet werden kann.

Dieses Grundverhalten der Familie führt bei den Kindern entsprechend zu einer ängstlichen oder aggressiven Kontaktaufnahme mit der Umwelt. „Allerdings ist der gelungene Aufbau von Peer-Gruppen-Beziehungen allein betrachtet noch kein ausreichender Indikator für eine störungsfreie Entwicklung. Kinder aus vernachlässigenden oder zurückweisenden Familien sind häufig in der Lage, über die Peer-Gruppe einen emotionalen Ausgleich für fehlende `Nestwärme´ im Elternhaus zu finden, jedoch signalisieren solche Peer-Gruppen durch ihre Auffälligkeit (Drogen, Delinquenz, Gewalt) problematische Problemlösungsmuster der Herkunftsfamilien ihrer Mitglieder.“ (5)

Kommen wir nun zu den Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern bei Sektenmitgliedschaft der Eltern. Dieses unterscheidet Siegfried Hamm wieder anhand der innerfamiliären und der außerfamiliären Auswirkungen.

Für die innerfamiliären Wirkungen der Sektenzugehörigkeit der Eltern ist es wichtig, ob nur ein Elternteil einer Sekte angehört oder beide.

Ist nur ein Elternteil Mitglied, versucht dieses, den anderen mit in die Sekte zu ziehen. Das Sektenmitglied möchte dadurch verhindern, dass es zu einer innerfamiliären Spaltung kommt, und die Missionierungen entspricht den Wünschen der Sekte. Bekämpft der Ehepartner jedoch die Sekten, dann entsteht bei dem Sektenmitglied ein Loyalitätskonflikt, was bedeutet, dass sich Sektenmitgliedschaft und Familie zunehmend ausschließen. „Die Wahrscheinlichkeit des Bruchs und der Trennung steigt, wobei die Zugehörigkeit zur `Sekte´ emotional stärker wirkt als die familiäre Bindung. Der Kampf um den Verbleib der Kinder wird vergleichbar hart wie bei vielen Trennungen ausgefochten und beinhaltet im Ergebnis die Konsequenz, ob die Kinder der `Sekte´ miteingegliedert werden oder nicht.“(6) Falls der Ehepartner, der der Sekte nicht angehört, der Sekte gegenüber sich neutral bzw. wohlwollend verhält, dann hat dieser aus der Sicht der Kinder die besten Chancen, korrigierend den Sekteneinflüssen gegenüberzustehen. Dadurch können in reduzierter Form kindliche Erfahrungsmöglichkeiten und Außenkontakte zur Peer-Gruppe für die Kinder bestehen bleiben.

Sind beide Elternteile Mitglied in einer Sekte, dann gibt die Sekte der Familie Halt, Sinn und Lebensziele. Auch wird der Selbstwert massiv aufgewertet, da sich die Familie zu dem Kreis der Auserwählten zugehörig fühlt. Jedoch bestimmt die Sekte mit ihrer Denk- und Weltanschauung die Verhaltensmuster innerhalb der Familie und stellt die Regeln, die eingehalten werden müssen, auf. Dadurch wird die Erziehung der Kinder in mehrfacher Weise strukturiert.

  • „Sie begrenzt die Erfahrungsbereiche der Kinder häufig in nicht kindgerechter Weise. Experimentier- und Erkundungsverhalten werden eingeschränkt und zugunsten
  • rigider Anpassungsforderungen, die für Erwachsene entwickelt wurden unterdrückt;
  • Grenzen und Methoden der Erziehung werden von der `Sekte´ und nicht den Eltern autorisiert.“ (7)

Die Eltern werden so, auch in den Augen der Kindern, als ausführende Organe einer von der Sektenführung bestimmten Leitlinie, und nicht mehr als Eltern im psychologischen Sinn, gesehen.

Grundsätzlich widerspricht es jeder Sekte, eine kindgerechte Erziehung zu ermöglichen, obwohl die Methoden der Sekten jeweils unterschiedlich sind, lassen sich doch Gemeinsamkeiten finden.

Die Mitgliedschaft in einer Sekte beinhaltet den Verzicht auf persönliche Bedürfnisse und die Unterordnung unter autoritäre Führungsstrukturen. Dieses wird in jeder Sekte durch die Erziehung eingeübt und umgesetzt. „So wird das Leben der `Sekte´ für die Kinder wichtige Reifungsschritte zu einem selbständigen Ich, zum Vertrauen in eigene Problemlösungsfähigkeiten und zum unbeschwerten Erkundungsverhalten behindern.“ (8)

Der Verlust an der Persönlichkeitsentwicklung wird kompensiert durch das Überlegenheitsgefühl. Die eigene Identität des Kindes wird dadurch zunehmend durch ein Selbstgefühl ersetzt, das mit der Gruppenidentität der Sekte übereinstimmt. Der Grad der Möglichkeit der Sekten-Kinder sich von dieser Identitätsverschiebung loszulösen und sich somit von der Sekte zu trennen, hängt von dem Zeitpunkt des Eintritts der Eltern zu einer Sekte ab. Desweiteren hängt es davon ab, welche Reifungsschritte das Kind innerhalb der Sekte erreicht hat und von dem Umfang der erzieherischen Vorgaben einer Sekte.

Die Ablösung bedeutet für ein Kind einen doppelten Loyalitätsverlust, der schwere Schuldgefühle beinhaltet. Die „… Abkehr von der `Sekte´ ist nicht nur verbunden mit dem `Vorrat´ an der bisher gültigen Weltanschauungs- und Lebensgemeinschaft, sondern auch an den Eltern, denen gegenüber man sich in besonders unversöhnlicher und endgültiger Weise abgegrenzt hat.“ (9)

Bei den Kindern, die aus Sektenfamilien stammen, ist der Kontakt nach außen und die Erfahrung von stabilen Peer-Gruppen-Beziehungen stark gefährdet. Ein Merkmal von Sekten ist, die Mitglieder zur Umwelt hin abzuschirmen, dieses gilt auch für Kinder. Die Sekten achten darauf, dass die Kontakte der Kinder und der Erwachsenen nicht zu der Infragestellung der Sekte beitragen können bzw. sie fähig werden, die Inhalte der Sekte kritisch zu hinterfragen. Der beste Schutz für die Sekte ist in einem solchen Fall das Verbot des Umgangs mit der kritisierenden Umwelt. „Nicht alle Sekten gehen gleich so weit, dennoch sind Störungen allenthalben zu erkennen, etwa wenn die Sekte die Teilnahme an allgemeinen gültigen Festen (Geburtstag, Weihnachten, Karneval) verweigert oder bestimmte Spiel- und Freizeitaktivitäten ausschließt.“ (10)

Bei Kindern kann ein Konflikt zwischen den Regeln der Sekte und den Lebensgewohnheiten der Peer-Gruppe entstehen. Die Sekten-Kinder erleben dadurch einen verstärkten Loyalitätsdruck durch die Sekte. Sie müssen beweisen, dass sie nicht auf der Seite der `Ungläubigen´ stehen und den Wunsch, mit der Peer-Gruppe weiter Kontakt haben zu möchten, verleugnen. Dieses drängt die Kinder noch mehr in die Sekte und erfordert „… intensive psychische Bemühungen, den Verlust von Kontakten zu kompensieren. Zu diesen indirekt erzwungenen Bewältigungsmustern zählen die Abwertung bisheriger Beziehungen und die Aufwertung des Selbst über die verstärkte Identifikation mit der `Sekte´ als kompensatorischer Akt.“ (11)

Zwangsläufig besteht für diese Kinder die Peer-Gruppe aus gleichaltrigen Sektenmitgliedern. Jedoch können diese Kontakte keine Ergänzung und Korrektur der Erwachsenenwelt bzw. Familie darstellen. „Für Kinder aus `Sektenfamilien´ ist der Kontakt zu Gleichaltrigen in Schule und Nachbarschaft durch ein hohes Maß an Ambivalentes und innerer Spannung gekennzeichnet. Einerseits verspüren sie den Wunsch, es den anderen gleichzutun und sich an den sozialen Aktivitäten zu beteiligen, andererseits verspüren sie die Loyalität zu ihren Eltern und zu der `Sekte´ und sind gehalten, die i.d.R. eng gesteckten Grenzen einzuhalten. Von solchen Kindern wird ein ständiger Spagat verlangt, der als (latenter) Dauerstress zu werten und durch Langfristigkeit zur Entwicklungshemmung wird.“(12)

Ich möchte dieses alles versuchen bildlich auszudrücken. Im Prinzip kann man zusehen, wie diese Kinder, auch die Scientology – Kinder, immer tiefer  in der  sekteneigenen Gedankenwelt und letztendlich in der tiefen „Höhle“ der Sekte verschwinden.

Literaturnachweis

  1. Vgl. Hamm, Siegfried; Kinder in sog. religiösen Bewegungen entwicklungspsychologische Aspekte in: Informations- und Dokumentationszentrum Sekten/Psychokulte IDZ (Hrsg.) AJS-Dokumentation 29: Auserwählt oder ausgeliefert? Kinder in Sekten und Psychogruppen Tagungsdokumentation; Essen, 1995, o.J.; S. 67-75
  2. s.o. S.68
  3. s.o. S.68
  4. s.o. S.68f
  5. s.o. S.69
  6. s.o. S.72
  7. s.o. S.72
  8. s.o. S.73
  9. s.o. S.73
  10. s.o. S.74
  11. s.o. S.74
  12. s.o. S.75

Fotos von: http://anon.tjps.eu/raid-27.12.2010/

Höhlenfoto von kindseininscientology

Ein Gedanke zu “Die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Sekten

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