Reportage: „Die Sektenkinder“

Gestern Abend lief im WDR „Hautnah“ eine Reportage über die Sekte „Weltdiener“. Diese Sekte steckt noch in ihren „Anfangsschuhen“ und hat bedingt erlaubt, dass ein Reporter Team des WDR den Alltag der Sektenkinder filmen durfte. Natürlich nur mit dem Einverständnis und der Kontrolle ihres Gurus.

http://www.wdr.de/tv/menschenhautnah/sendungsbeitraege/2012/1025/sektenkinder.jsp

Erschreckend ist, dass es, wie in jeder Sekte, Parallelen zu der Kindererziehung in Scientology gibt.

Auch für diese Sekte sind „Kinder kleine Erwachsene“, die auch genauso behandelt werden und z.B. das gleiche vom Guru geforderte Arbeitspensum erledigen müssen, wie die Erwachsenen. Der einzige Unterschied, zu den scientologischen „Cadet (Sea) Org Kindern“ besteht in der Art und Weise der Arbeit. Sektenkinder haben keine oder kaum Freizeit, müssen auf vieles Verzichten, was „normale“ Kinder haben, nämlich eine Kindheit. Auch stehen sie häufig unter Stress und Schlafmangel. Nur um ein vermeindliches späteres „Seelenheil“ zu erlangen. Bei Scientology sind es die von Hubbard erfundenen operierenden Thetane, der Guru der „Weltdiener“ hat irgendeinen anderen „Blödsinn“ erfunden.

Die Eltern sind den Lehren ihres Gurus hörig, sie haben kein Verständnis und keine Zeit mehr für ihre Kinder. Nur ihr Seelenheil und die Erweckung der Welt steht im Vordergrund. Alles andere ist nebensächlich.

Bewußt hält der Guru, genauso wie bei Scientology, dass Selbstbewußtsein der Kinder gering und er spielt mit ihrer Angst. Mit der Angst, dass sie, wenn sie nicht so funktionieren, wie es die Sekte oder Guru will von ihren Eltern getrennt werden, als „böse“ abgestempelt werden. Bei Scientology als PTS oder SP. Auch die Außenwelt wird als böse und gefährlich abgestempelt. Kritiker und kritische Famlienangehörigen gehören ebenfalls zur gefährlichen Außenwelt.

Die Kinder müssen ihrem Meister unbedingt und bedingungslos gehorchen, da bleibt kein Raum für kritisches Denken.

Sollten die Kinder die Sekte verlassen würde schlimmes mit ihnen geschehen, wird ihnen erzählt und sie würden tatsächlich komplett von ihrer Familie getrennt, auch dies ist eine Parallele zu Scientology und anderen Sekten.

Sicherlich finden sich noch mehr Gemeinsamkeiten. Die Kontroll- und „Arbeitsfunktionen“ einer Sekte funktionieren überall recht ähnlich. Auch die Manipulationen der Kinder, wie es z.B. Siegfried Hamm (der mir in einer Mail schrieb, dass er aus heutiger Sicht noch drastische Folgen beschreiben würde) oder aber wie Kurt- Helmuth Eimuth beschrieb.

Letztendlich ist die Frage, inwieweit das Recht der Eltern geht. Haben die Eltern das Recht ihre Kinder auf Grund ihres „Glaubens“ psychisch zu missbrauchen oder sogar ihr Leben zu gefährden, haben sie wirklich das Recht hierzu? Haben sie ein Recht dazu, ihre Kinder an eine Sekte  zu verkaufen?

Meine Einschätzung ist, dass Eltern kein Recht dazu haben. Für mich ist dies eindeutig ein psychischer Kindesmmisbrauch und eine Kindeswohlgefährdung liegt vor.

Die Sekteneltern sind genauso abhängig, wie Menschen, die Drogen nehmen. Sie können nicht mehr für sich vernünftig sorgen und erst recht nicht für ihre Kinder. Sie brauchen dringend Unterstützung vom Jugendamt und wenn sie nicht freiwillig mitarbeiten, muss dies halt Zwangsweise von einem Gericht durchgesetzt werden. Dabei muss dem Gericht klar sein, dass es hierbei nicht mehr um Religionsfreiheit geht. Gerade solche Kulte sind keine Religion und Eltern müssen sich hier zwischen der Sekte und dem Wohl ihrer Kinder entscheiden. So wie sich Drogenabhängige ebenfalls entscheiden müssen.

Ich hoffe, dass die Behörden nun bei den „Weltdienern“ tätig werden. Sie haben schon viel zu lange zugesehen und ich denke, dass bei diesen Kindern schon schwere psychische Störungen vorliegen.

Edit: Mittlerweile hat sich eine FB – Gruppe gebildet. http://www.facebook.com/Sektenkinder

Die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Sekten

Siegfried Hamm hat zu der psychologischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Sekten einige vorläufige Hypothesen entwickelt. Die Hypothesen befassen sich mit den psychischen Folgen, die sich bei der  Erziehung von Kindern in allen Sekten wiederspiegeln. Zusätzlich können sich dennoch andere psychischen Folgen ergeben, die abhängig von den jeweiligen Methoden der Sekten sind. Ich möchte nun hier in meinen Blog seine Hypothesen vorstellen. Ich denke, dass diese grundlegend auch auf Kinder zutrifft, die in Scientology aufwachsen.

Die Erklärungen von Siegfried Hamm (1) sollen an dieser Stelle näher erläutert werden. Damit die psychische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen besser zu verstehen ist, denke ich ist es wichtig zuerst über die störungsfreie Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu schreiben. Für eine gesunde Entwicklung sind zwei Voraussetzungen wichtig: Zum einen die innerfamiliären Voraussetzungen und zum anderen ausserfamiliäre Kontakte.

Bei den innerfamiliären Voraussetzungen ist es wichtig, dass die Kinder eine „wertschätzende, von Liebe und Zuneigung getragene Beziehung zu ihren Eltern haben“. Dies ist die Grundvoraussetzung für eine störungsfreie Entwicklung. Die Kinder brauchen eine dem Entwicklungsstand angepasste Förderung und Unterstützung, in dem Bereich ihrer auf Versuch und Irrtum aufgebauten Experimentierlust. Des weiteren benötigen sie, dem Entwicklungsstand angemessen, klare Grenzen und Regeln, die ihnen einen sicheren Rahmen zur Einordnung und Integration neuer Erfahrungen bieten sollten. Zwischen den Eltern und den Kindern soll ein Zusammenspiel stattfinden in einem ständigen Prozess von Veränderungen.

Diese Erziehung soll die geistig-kognitiven Voraussetzungen und Möglichkeiten und die emotionalen Voraussetzungen und Möglichkeiten, die den Alters- und Entwicklungsstand des Kindes entsprechen sollen, berücksichtigen.

Die kindzentrierte Entwicklung versucht aber nicht in autoritärer Weise Kinder frühzeitig an Normen und Konzepte der Erwachsenen anzupassen und den individuellen Erfahrungsraum des Kindes unangemessen einzuschränken bzw. zu unterdrücken. Sie versucht auch nicht, in antiautoritärer Weise aus Kindern gleichberechtigte kleine Erwachsene zu machen, die jede Entscheidung unabhängig treffen können. „Nach übereinstimmenden Erkenntnisstand aus Psychologie, Pädagogik, Medizin und Sozialwissenschaftlern ist die `normale´, unproblematische kindliche Entwicklung gebunden an den emotionellen Zuspruch und die Ermutigung, eigene Erfahrungen sammeln zu dürfen und einen klaren Rahmen zu haben, innerhalb dessen Erfahrungen genutzt (integriert) werden können. Dabei sind die Auseinandersetzungen mit Misserfolgen, die Bewältigung von Frustration und durch das Erleben von zwischenmenschlichen Konflikten notwendiger und unverzichtbarer Bestandteil einer Entwicklung, die Selbständigkeit und Kontaktfähigkeit aufbaut.“(2)

Säuglinge und Babys sind noch in ihren Beziehungen von den Eltern abhängig. Mit zunehmenden Alter gewinnt die Umwelt für ein Kind an Bedeutung. Dabei gibt es dort zwei einschneidende Erlebnisse. Zum einem der Besuch des Kindergartens und zum anderen der Besuch einer Schule. „Gleichaltrige bilden zunächst noch häufig instabil, dann zunehmend kontinuierlicher einen Gruppenkontext, der der familiären Wirklichkeit korrigierend, vergleichend und ergänzend gegenübersteht, diese so ständig herausfordert und den gesamten Wachstumsprozeß lebendig erhält.“(3) Dennoch bleiben die Eltern viele Jahre für die Kinder eine dominante Bezugsperson. Dies bedeutet, dass sich die Persönlichkeit des Kindes weiter an den Eltern orientiert. Während der kindlichen Entwicklung wird diese Dominanz jedoch fortlaufend abgebaut. Eine Ablösung von dem Elternhaus kann aber nur gelingen, wenn eine Umorientierung seitens des Kindes stattfindet. Der Bezug des Kindes zu Gleichaltrigen ist ein wichtiger Bestandteil für die eigene Persönlichkeits-entwicklung. „Im Umkehrschluß ist es aufgrund vielfältiger klinischer Beobachtungen und entwicklungspsychologischen Untersuchungen gerechtfertigt, Schwierigkeiten im Aufbau von tragfähigen Peer-Gruppen-Beziehungen als Ausdruck einer problematischen Familienentwicklung insgesamt und in Folge als Ausdruck einer zumindest in Teilen blockierten Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen.“(4)

Probleme bei der kindlichen Entwicklung ergeben sich zwangsläufig aus enggebundenen Familien. Für diese Familien ist es für das psychische Gleichgewicht der Kinder wichtig, dass die erwachsenen Kinder eng an der Familie gebunden bleiben. Bei diesen Kindern kann nie eine normale Ablösung vom Elternhaus stattfinden. In solchen Familien wird die Umwelt als etwas Bedrohliches angesehen, dieses kann als eine ängstliche Grundeinstellung gewertet werden. Es kann aber auch sein, dass die Umwelt als feindlich angesehen wird, was als aggressive Grundeinstellung bezeichnet werden kann.

Dieses Grundverhalten der Familie führt bei den Kindern entsprechend zu einer ängstlichen oder aggressiven Kontaktaufnahme mit der Umwelt. „Allerdings ist der gelungene Aufbau von Peer-Gruppen-Beziehungen allein betrachtet noch kein ausreichender Indikator für eine störungsfreie Entwicklung. Kinder aus vernachlässigenden oder zurückweisenden Familien sind häufig in der Lage, über die Peer-Gruppe einen emotionalen Ausgleich für fehlende `Nestwärme´ im Elternhaus zu finden, jedoch signalisieren solche Peer-Gruppen durch ihre Auffälligkeit (Drogen, Delinquenz, Gewalt) problematische Problemlösungsmuster der Herkunftsfamilien ihrer Mitglieder.“ (5)

Kommen wir nun zu den Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern bei Sektenmitgliedschaft der Eltern. Dieses unterscheidet Siegfried Hamm wieder anhand der innerfamiliären und der außerfamiliären Auswirkungen.

Für die innerfamiliären Wirkungen der Sektenzugehörigkeit der Eltern ist es wichtig, ob nur ein Elternteil einer Sekte angehört oder beide.

Ist nur ein Elternteil Mitglied, versucht dieses, den anderen mit in die Sekte zu ziehen. Das Sektenmitglied möchte dadurch verhindern, dass es zu einer innerfamiliären Spaltung kommt, und die Missionierungen entspricht den Wünschen der Sekte. Bekämpft der Ehepartner jedoch die Sekten, dann entsteht bei dem Sektenmitglied ein Loyalitätskonflikt, was bedeutet, dass sich Sektenmitgliedschaft und Familie zunehmend ausschließen. „Die Wahrscheinlichkeit des Bruchs und der Trennung steigt, wobei die Zugehörigkeit zur `Sekte´ emotional stärker wirkt als die familiäre Bindung. Der Kampf um den Verbleib der Kinder wird vergleichbar hart wie bei vielen Trennungen ausgefochten und beinhaltet im Ergebnis die Konsequenz, ob die Kinder der `Sekte´ miteingegliedert werden oder nicht.“(6) Falls der Ehepartner, der der Sekte nicht angehört, der Sekte gegenüber sich neutral bzw. wohlwollend verhält, dann hat dieser aus der Sicht der Kinder die besten Chancen, korrigierend den Sekteneinflüssen gegenüberzustehen. Dadurch können in reduzierter Form kindliche Erfahrungsmöglichkeiten und Außenkontakte zur Peer-Gruppe für die Kinder bestehen bleiben.

Sind beide Elternteile Mitglied in einer Sekte, dann gibt die Sekte der Familie Halt, Sinn und Lebensziele. Auch wird der Selbstwert massiv aufgewertet, da sich die Familie zu dem Kreis der Auserwählten zugehörig fühlt. Jedoch bestimmt die Sekte mit ihrer Denk- und Weltanschauung die Verhaltensmuster innerhalb der Familie und stellt die Regeln, die eingehalten werden müssen, auf. Dadurch wird die Erziehung der Kinder in mehrfacher Weise strukturiert.

  • „Sie begrenzt die Erfahrungsbereiche der Kinder häufig in nicht kindgerechter Weise. Experimentier- und Erkundungsverhalten werden eingeschränkt und zugunsten
  • rigider Anpassungsforderungen, die für Erwachsene entwickelt wurden unterdrückt;
  • Grenzen und Methoden der Erziehung werden von der `Sekte´ und nicht den Eltern autorisiert.“ (7)

Die Eltern werden so, auch in den Augen der Kindern, als ausführende Organe einer von der Sektenführung bestimmten Leitlinie, und nicht mehr als Eltern im psychologischen Sinn, gesehen.

Grundsätzlich widerspricht es jeder Sekte, eine kindgerechte Erziehung zu ermöglichen, obwohl die Methoden der Sekten jeweils unterschiedlich sind, lassen sich doch Gemeinsamkeiten finden.

Die Mitgliedschaft in einer Sekte beinhaltet den Verzicht auf persönliche Bedürfnisse und die Unterordnung unter autoritäre Führungsstrukturen. Dieses wird in jeder Sekte durch die Erziehung eingeübt und umgesetzt. „So wird das Leben der `Sekte´ für die Kinder wichtige Reifungsschritte zu einem selbständigen Ich, zum Vertrauen in eigene Problemlösungsfähigkeiten und zum unbeschwerten Erkundungsverhalten behindern.“ (8)

Der Verlust an der Persönlichkeitsentwicklung wird kompensiert durch das Überlegenheitsgefühl. Die eigene Identität des Kindes wird dadurch zunehmend durch ein Selbstgefühl ersetzt, das mit der Gruppenidentität der Sekte übereinstimmt. Der Grad der Möglichkeit der Sekten-Kinder sich von dieser Identitätsverschiebung loszulösen und sich somit von der Sekte zu trennen, hängt von dem Zeitpunkt des Eintritts der Eltern zu einer Sekte ab. Desweiteren hängt es davon ab, welche Reifungsschritte das Kind innerhalb der Sekte erreicht hat und von dem Umfang der erzieherischen Vorgaben einer Sekte.

Die Ablösung bedeutet für ein Kind einen doppelten Loyalitätsverlust, der schwere Schuldgefühle beinhaltet. Die „… Abkehr von der `Sekte´ ist nicht nur verbunden mit dem `Vorrat´ an der bisher gültigen Weltanschauungs- und Lebensgemeinschaft, sondern auch an den Eltern, denen gegenüber man sich in besonders unversöhnlicher und endgültiger Weise abgegrenzt hat.“ (9)

Bei den Kindern, die aus Sektenfamilien stammen, ist der Kontakt nach außen und die Erfahrung von stabilen Peer-Gruppen-Beziehungen stark gefährdet. Ein Merkmal von Sekten ist, die Mitglieder zur Umwelt hin abzuschirmen, dieses gilt auch für Kinder. Die Sekten achten darauf, dass die Kontakte der Kinder und der Erwachsenen nicht zu der Infragestellung der Sekte beitragen können bzw. sie fähig werden, die Inhalte der Sekte kritisch zu hinterfragen. Der beste Schutz für die Sekte ist in einem solchen Fall das Verbot des Umgangs mit der kritisierenden Umwelt. „Nicht alle Sekten gehen gleich so weit, dennoch sind Störungen allenthalben zu erkennen, etwa wenn die Sekte die Teilnahme an allgemeinen gültigen Festen (Geburtstag, Weihnachten, Karneval) verweigert oder bestimmte Spiel- und Freizeitaktivitäten ausschließt.“ (10)

Bei Kindern kann ein Konflikt zwischen den Regeln der Sekte und den Lebensgewohnheiten der Peer-Gruppe entstehen. Die Sekten-Kinder erleben dadurch einen verstärkten Loyalitätsdruck durch die Sekte. Sie müssen beweisen, dass sie nicht auf der Seite der `Ungläubigen´ stehen und den Wunsch, mit der Peer-Gruppe weiter Kontakt haben zu möchten, verleugnen. Dieses drängt die Kinder noch mehr in die Sekte und erfordert „… intensive psychische Bemühungen, den Verlust von Kontakten zu kompensieren. Zu diesen indirekt erzwungenen Bewältigungsmustern zählen die Abwertung bisheriger Beziehungen und die Aufwertung des Selbst über die verstärkte Identifikation mit der `Sekte´ als kompensatorischer Akt.“ (11)

Zwangsläufig besteht für diese Kinder die Peer-Gruppe aus gleichaltrigen Sektenmitgliedern. Jedoch können diese Kontakte keine Ergänzung und Korrektur der Erwachsenenwelt bzw. Familie darstellen. „Für Kinder aus `Sektenfamilien´ ist der Kontakt zu Gleichaltrigen in Schule und Nachbarschaft durch ein hohes Maß an Ambivalentes und innerer Spannung gekennzeichnet. Einerseits verspüren sie den Wunsch, es den anderen gleichzutun und sich an den sozialen Aktivitäten zu beteiligen, andererseits verspüren sie die Loyalität zu ihren Eltern und zu der `Sekte´ und sind gehalten, die i.d.R. eng gesteckten Grenzen einzuhalten. Von solchen Kindern wird ein ständiger Spagat verlangt, der als (latenter) Dauerstress zu werten und durch Langfristigkeit zur Entwicklungshemmung wird.“(12)

Ich möchte dieses alles versuchen bildlich auszudrücken. Im Prinzip kann man zusehen, wie diese Kinder, auch die Scientology – Kinder, immer tiefer  in der  sekteneigenen Gedankenwelt und letztendlich in der tiefen „Höhle“ der Sekte verschwinden.

Literaturnachweis

  1. Vgl. Hamm, Siegfried; Kinder in sog. religiösen Bewegungen entwicklungspsychologische Aspekte in: Informations- und Dokumentationszentrum Sekten/Psychokulte IDZ (Hrsg.) AJS-Dokumentation 29: Auserwählt oder ausgeliefert? Kinder in Sekten und Psychogruppen Tagungsdokumentation; Essen, 1995, o.J.; S. 67-75
  2. s.o. S.68
  3. s.o. S.68
  4. s.o. S.68f
  5. s.o. S.69
  6. s.o. S.72
  7. s.o. S.72
  8. s.o. S.73
  9. s.o. S.73
  10. s.o. S.74
  11. s.o. S.74
  12. s.o. S.75

Fotos von: http://anon.tjps.eu/raid-27.12.2010/

Höhlenfoto von kindseininscientology

Keine Zeit für die Familie

Die Eltern haben ebenfalls einen sehr vollen Tagesablauf, in dem Buch „Die Sekten-Kinder“ von Kurt-Helmuth Eimuth wird von einem Ex-Scientologen beschrieben, wie wenig Zeit er für seine Familie und somit auch für seine Kinder hatte.

„Er (Daniel, ein Mann der mit sieben Jahren selbst durch seine Mutter zu Scientology gekommen ist; Anmerkung der Verfasserin) lebte später als Staff-Mitarbeiter in Kopenhagen. Um seine einjährige Tochter konnte er sich aufgrund der Arbeitsanforderungen nicht kümmern… Daniel Fumagalli erzählt: `Es gibt Kinderkrippen, da bringt man sie morgens hin und holt sie nachts wieder ab. Da hatten Eltern nach dem Nachtessen eine Stunde sogenannte Parents oder Familiy time.´ Später kam die Anweisung, die diesen wenigen, aber doch regelmäßigen Kontakt der Eltern zu ihren Kindern weiter einschränkte. Fumagalli: `Es gab da mal eine Anweisung, die besagte, dass für die family time eine Stunde am Tag nicht genug sei. Deshalb solle man besser in dieser Stunde viel produzieren und jeden zweiten Samstag einen Tag frei nehmen, welchen man dann in Ganzheit mit dem Kind verbringen kann. Also in anderen Worten: man sieht das Kind jede zweite Woche für einen Tag und halt nachts, wenn das Kind eh schläft.´“(Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997, S. 86)

Somit obliegt die Erziehung des Kindes der Organisation und nicht mehr den Eltern, so dass es sich daraus zwangsläufig ergibt, dass Scientology den ganzen Tag lang die Kinder manipulieren kann. Gehen die Kinder nicht mehr zu einer normalen Regelschule, sondern zu einer scientologisch geführten Schule im nahen Ausland, lebt das Kind nur noch in der Scientology-Welt und hat keine Chance mehr, etwas anderes kennenzulernen. Scientology-Kinder müssen für die Organisation arbeiten, damit die Welt gerettet werden kann. Somit stehen diese Kinder unter einem starken Leistungsdruck. In einer scientologisch geführten Schule bzw. auch schon in der Nachhilfeschule unterliegt ein Kind diesem Druck, indem es ständig seine Statistik erfüllen muss.

Eine junge Frau, die sich um die Betreuung der Kinder und Jugendlichen in einem scientologischen Zentrum kümmerte, wurde die Anwendung der Statistik folgendermaßen erklärt.

„Die Ethik-Statistik bewertet das Verhalten des Kindes über den ganzen Tag verteilt… Sie wird geführt, um dem Kind zu helfen, das eine bestimmte Schwierigkeit hat. Wenn es seine Sache sehr gut gemacht hat, ist es im Zustand `Power´ und bekommt fünf Punkte, die Höchstzahl. Um auf Power eingestuft zu werden, darf es sich nicht out-ethisch verhalten haben und muß aktiv daran teilgenommen haben, das Überleben von einer oder mehreren Dynamiken zu verbessern. War es nicht ganz so aktiv, hat sich aber trotzdem gut verhalten, ist sein Zustand `Überfluß´, der vier Punkte bringt. Drei Punkte sind `Normal´ und bedeuten nur, daß das Kind nichts Out-Ethisches gemacht hat. Ein bis zwei out-ethische Handlungen bedeuten `Notzustand´, zwei Punkte. Hat das Kind die Gruppe einmal richtig enturbuliert, ist `Gefahr´ angesagt, ein Punkt. Und wenn’s schlimm war, gibt es gar keinen Punkt, weil das Kind den ganzen Tag unvernünftig aufgetreten ist und permanent die Gruppe enturbuliert hat. Der Zustand heißt dann `Nichtexistent´.“(Anonymus, Entkommen-Eine Ex Scientologin erzählt, Reinbeck bei Hamburg, 1993, S.108f.;zitiert nach: Kurt-Helmuth Eimuth, 1997; s.o. S. 90f.

Eine kurze Eklärung am Rande, enturbulieren ist eines von vielen scientologischen Kunstwörtern und bedeutet

„Enturbulieren: Etwas `turbulent´ (wirbelnd ´, stürmisch, aufrührerisch) machen, verwirren, aufregen oder durcheinanderbringen“ Hubbard, Handbuch für den Ehrenamtlichen Geistlichen, Kopenhagen 1980, S. 754; zitiert nach Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o., S. 91

Kindern wird auch der Umgang mit ihren Eltern verboten bzw. den Eltern wird der Umgang mit ihren Kindern verboten, da die Kinder der Grund für die Probleme des Erwachsenen sind. Diese Kinder sind eine „unterdrückerische Person“ für ihre Eltern und behindern das Fortkommen ihrer Eltern in Scientology.(Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997, S. 83) U.S. Sonntag, der gesagt wurde, dass ihr Sohn eine unterdrückerische Person sei, wurde das von Seiten der Org an einem Beispiel gezeigt.

Unten „…in dem italienischen Restaurant einen Stockwerk tiefer als die Org saß ein kleiner Junge an einem Tisch allein und aß, seine Mutter saß getrennt von ihm an einem anderen Tisch, man sagte mir, der Junge wäre der `Unterdrücker´ seiner Mutter, und die Mutter muß ihn handhaben und sich von ihm trennen, um weiter zu kommen.“(Sonntag-Kuntze, U.S.; a.a.O. Anhang; zitiert nach: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 83)

Kurt-Helmuth Eimuth sieht den Begriff „handhaben“, als ein Kontrollieren und Bestrafen des Kindes.(Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 84) Die Interministerielle Arbeitsgruppe für Fragen sog. Jugendsekten und Psychogruppen berichtet, dass Scientology Kritiker ausführten, daß Kinder bei `Kontaktsperren´ sogar von ihren Müttern getrennt werden, dabei muß sich die Familie den Anordnungen der Scientology unterordnen.(Vgl.: Bericht der Interministeriellen Arbeitsgruppe für Fragen sog. Jugendsekten und Psychogruppen vom 30.6.9, Drucksache 11/4643, S. 33; verglichen nach : Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997; s.o. S. 84)

Kurt Helmuth Eimuth schlussfolgert weiter, dass die hohe Beanspruchung der Eltern und das Menschenbild Scientologys, das keine Kindheit beinhaltet, zu einer Entfremdung zwischen Eltern und Kindern führt.

Desweiteren wird in dem Buch „Im Labyrinth von Scientology“ von Norbert Potthoff beschrieben, wie ein behinderter Junge von seinen Eltern emotionell vernachlässigt wurde, da er aufgrund seiner Behinderung in einem früheren Leben unethisch gewesen sein muß bzw. er zugelassen hat, daß ihn sein Zwillingsbruder während der Schwangerschaft „behindert gemacht hat“.

„Christian ist Jens´ Sohn aus erster Ehe. Viel weiß ich (Norbert Potthoff; Anmerkung der Verfasserin) nicht über ihn. Ab und zu sehe ich ihn mal auf dem Flur der obersten Etage, aber meist ist er in seinem Zimmer versteckt. Er ist gehbehindert, macht aber einen netten Eindruck. `Also es gibt da einiges was du wissen solltest´ erklärt Beate (die „Stiefmutter“; Anmerkungen der Verfasserin)`Christian und Hilmar sind Zwillinge und das, was Ron als Black beeings, als schwarze Wesen bezeichnet. Hilmar ist absolut herrisch und autoritär, er hat seinen Zwillingsbruder bereits während der Schwangerschaft so getreten, daß dieser mit einem Hüftschaden zur Welt kam. Aber Christian ist ebenso dafür verantwortlich, denn er hat damit übereingestimmt, hat zugelassen, diesen Schaden zu erhalten. Hilmar haben wir nach Portugal geschickt. Er ist nicht zu handhaben, begeht ständig neue Verbrechen. Christian steckt überwiegend fest in seinem reaktiven Verstand, und nur durch Dauerlauf kann er ab und zu ausrasten. Damit uns seine reaktiven Strömung nicht beeinträchtigen kann, lebt er allein in seinem Zimmer. Nur sein Vater darf mit ihm Kontakt haben.´“(Potthoff, Norbert, Im Labyrinth der Scientology, Bergisch Gladbach, 1997; S. 136)

Dieses zeigt, wie Scientology die Vernachlässigung der Kinder, durch die Ideologie und Zielsetzung mit Hilfe der „abhängigen“ Eltern propagiert. Durch das Anstreben der Weltherrschaft, das „Clearen“ der Welt bleiben schwache Glieder, das sind ohne weiteres Kinder und Jugendliche, Behinderte, besonders behinderte und kranke Kinder, alleine und werden ohne Gefühlsregungen seitens der Erwachsenen und Starken ihr Leben meistern müssen.