Die „12 Stämme“ und der Sorgerechtsentzug

Letztes Wochenende konnte ich mir einen Vortrag mit anschließender Diskussionsrunde von Robert Pleyer, Aussteiger bei den „12 Stämmen“, anhören. Er berichtete sehr bewegend über seinen Einstieg, seinen „Werdegang“ und seiner persönlichen Veränderung in diesem Kult. Ich kann wirklich empfehlen sein Buch „Der Satan schläft nie“ zu lesen.

Ein Teil des Vortrags beinhaltete die körperliche Züchtigung von Kindern in dieser Sekte. Kinder dürfen dort von jedem Erwachsenen körperlich gezüchtigt werden. Hierzu liegen überall Ruten aus, auch einfache Fehltritte werden mit körperlicher Züchtigung bestraft. Es gehört dort für die Kinder zum „normalen“ Alltag dazu.

2013 wurden 40 Kinder der „12 Stämme“ von dem Jugendamt in Klosterzimmer bei Nördlingen in Obhut genommen. https://www.ndr.de/kultur/buch/pleyer102_v-podcast.jpg&imgrefurl=https://www.ndr.de/kultur/buch/Robert-Pleyer-Der-Satan-schlaeft-nie,sekte120.htm

Das OLG Nürnberg entschied am 15. Juni 2015, dass diese Trennung von den Eltern rechtsmäßig war. http://rsw.beck.de/cms/?toc=njw.root&docid=369851

Nun möchten zwei der betroffenen Eltern vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Ich hoffe auch diese Richter haben so viel Weitsicht, wie die vorherigen. http://www.sueddeutsche.de/bayern/glaubensgemeinschaft-zwoelf-staemme-sekten-eltern-wollen-vors-bundesverfassungsgericht-1.2523337

Interessant an diesem Fall ist, dass hier eine Kindeswohlgefärdung, durch die Schläge als von dem Kult vorgegebende Erziehungsmethode offensichtlich zu sehen ist. Ich finde es gut, dass die Kinder in Obhut genommen wurden und dass die Gerichte diesen starken Eingrif in die elterliche Sorge unterstützen. Auch hoffe ich, dass es diesen Kindern gut geht. Ich frage mich aber auch, wie es mit den seelischen, psychsichen Misshandlungen aussieht, die im Sinne eines Kultes stattfinden. Diese sind viel schwerer nachzuweisen und zeigen sich manchmal erst Jahre nach dem Austritt, wenn die ehemaligen „Sektenkinder“ erwachsen geworden sind. Genau diese Kinder brauchen in jungen Jahren Unterstützung, auch durch eine Sensibiliserung unserer Gesellschaft. Eine besondere Schulung von Fachkräften ist nach meiner Einschätzung ebenfalls notwendig, denn „Sektenkinder“ gibt es überall. Seien es die Zeugen Jehovas von nebenan, fundamentalistische Gemeinschaften oder aber Scientology. Ich denke ganz einfach, dass „Sektenkinder“ eine Lobby brauchen und dies bestärkt mich weiter darin meinen Blog und meine Arbeit weiterzuführen.

Nebenbei, vielen Dank „Sektenwatch.de“ für das sehr informative Vortragswochenende und alles Gute zum 40 Jährigen bestehen der

„Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus„,

obwohl ich weiß, dass es noch schöner wäre, wenn ihr nicht mehr gebraucht werden würdet. Aber es ist gut, dass es euch gibt.

 

Weg

Kognitive Dissonanz

Weil sich alle Sekten und Kulte in ihren Methoden und Auswirkungen recht ähnlich sind, schaue ich heute mal wieder kurz über den Tellerrand.

Sven Koether, der über sich selber sagt, „in Riechweite der Apokalypse aufgewachsenes Sektenkind. Heute melancholischer Atheist und Indoktrinationsverweigerer“. Beschreibt unter anderem auf seinem Blog mit netten Worten und einfach erklärt, die „Kognitive Dissonanz“, die durch eine Kultmitgliedschaft erfogt, erklärt mit der Hilfe seiner Kindheit bei den „Zeugen Jehovas“ bis hin zu seinem Ausstieg.

Kognitive Dissonanz
 oder
 Der Erklärbär ist ein Problembär und muss deshalb erschossen werden
Zugegeben, dies ist ein etwas befremdlicher Titel. Aber es geht hier auch um ein befremdliches Symptom, welches allerdings nicht sektenspezifisch, sondern allgemein menschlich ist. Nur im Zusammenhang mit den Mechanismen, die bewusstseinskontrollierende Gruppierungen anwenden, um ihre Mitglieder am Verlassen der Gemeinschaft zu hindern, bekommt das zu schildernde Phänomen eine besondere Brisanz. Wie überhaupt ja nichts Übermenschliches stattfindet, wenn jemand in eine Sekte gerät und sich daraus nicht mehr zu befreien vermag. Er ist weder mit einem Bannfluch belegt, noch haben böse Geister, Dämonen oder gar der Teufel von ihm Besitz genommen. Gott, selbstredend,  genauso wenig.  Die Klaviatur der menschlichen Psyche umfasst viele Oktaven, und wer sie alle zu bespielen imstande ist, der kann Menschen tanzen lassen, wie er möchte. Genau das tun Sekten. Sie haben nichts Überirdisches in ihrem Repertoire, sondern nur menschliches, allzumenschliches Werkzeug…. mehr
bär

Neue Seite: http://www.destruktive-gruppen-erkennen.com/

Vor ein paar Tagen bekam ich eine Mail, von einem „Wiener Mann“, der mich fragte, ob das Verlinken meines Blogs auf seiner Seite in Ordnung sei. Ich schaute mir die damals noch unfertige Seite an und sprach u.a. mit einem guten Anonymous Freund über diese Seite. Er sagte mir, aus dieser Seite könnte etwas werden, schau dir mal das Thema Phobien an, dass ist doch etwas für dich.

…und was soll ich sagen, aus dieser Seite ist etwas geworden, nach meiner Einschätzung etwas verdammt Gutes. Zum einen die wirklich einfühlsame und traurige Liebesgeschichte von dem Seitenbetreiber Markus zu einer Scientologin, die leider nach einem Jahr an den Denkstrukturen der Sekte zerbrach und zum anderen ein wunderbarer Teil mit theoretischem Hintergrundwissen über „deskrutive Gruppen“.

„Auch wenn ich all das durchgemacht habe, was ich durchgemacht habe, bereue ich die Schwierigkeiten nicht, in die ich mich begeben habe – weil sie es waren, die mich hierher brachten. Wenn ich durch meine Webseite, nur eine einzige Person vor den Fängen einer destruktiven Gruppe beschützen kann, nur eine einzige Familie vor dem Zerbrechen bewahren kann, dann ist das Belohnung genug für mich.Meine Hoffnung ist, dass all diese Informationen Verstehen schaffen, wie übermäßiger sozialer Einfluss funktioniert. Im Besonderen, wie Menschen kontrolliert werden können und wie destruktive Gruppen arbeiten. Die Erfahrung hat mir gezeigt, welche Misere und welches Leid sie verursachen. Noch wichtiger ist es, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um Familienmitglieder und anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen.“
Markus E.

Markus, vielen lieben Dank für das veröffentlichen deiner „Scientology – Geschichte“ 🙂 Genau, die gleiche Hoffnung habe ich mit meinem Blog. …und wie die Anons sagen „This is why!“

Bild: http://anonberlin.de/forum/showthread.php?tid=1036

Bild: http://www.anonberlin.de/forum/showthread.php?tid=992&pid=5640#pid5640