Die fehlende Identitätsbildung bei Kindern und Jugendlichen in Sekten nach Kurt-Helmuth Eimuth

Ein wichtiger Aspekt der psychischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen in Sekten ist die fehlende Identitätsbildung. Dieses Entwicklungsdefizit kann innerhalb aller Sekten beobachtet werden.

Kurt – Helmuth Eimuth hat in seinem Buch „Die Sekten-Kinder“ eine Erklärung für die fehlende Identitätsbildung entwickelt. Alle folgenden Zitate stammen aus Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 220 -224, auch ist dieser gesamte Text eine gekürzte Darstellung des von Kurt – Helmuth Eimuth entwickelten Erklärungsansatzes und in dem oben genannten Buch in ausführlicher Form zu finden.

Für diesen Erklärungsansatz ist es wichtig die unterschiedlichen religiösen Entwicklungsstufen darzustellen, die in der Regel ein jeder Mensch in seiner Entwicklung durchlebt.

1. Entwicklungsphase (magisch-numinose Phase):

Diese beginnt am Anfang der kindlichen Entwicklung. In dieser Stufe werden die Symbole magisch interpretiert.

„Der Löwe ist eben keine Zeichnung, sondern es ist das angsteinflößende Tier, vor dem man sich unter dem Bett versteckt. Realität und Abbild werden nicht unterschieden.“ (Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 220)

2. Entwicklungsphase (eindimensionales-wörtliches Verstehen):

Diese Phase beginnt etwa mit der Einschulung der Kinder. Dieses Entwicklungsstadium ist gekennzeichnet

„… durch das `wörtliche´ Verständnis religiöser Symbolik… Ein zweiter Sinn, etwa Wasser als Symbol für Leben, wird nicht gefaßt… Allerdings werden schon im Gegensatz zur ersten Phase andere Welten angenommen. Wissenschaftliche Weltbilder sind schon bekannt. Deshalb wohnt Gott jetzt im Weltall und nicht mehr im Firmament, in der Himmelsdecke.“

(Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 220)

3. Entwicklungsphase (mehrdimensionales-symbolisches Verstehen):

Leider nennt Kurt-Helmuth Eimuth hier kein Alter. In dieser Phase werden Mehrfachdeutungen von Symbolen zugelassen.

„Symbole werden als solche gesehen und akzeptiert. Aber ihre sinnstiftende Deutung läßt keine Kritik zu.“

(Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 220)

4. Entwicklungsphase (symbolkritisches Verstehen):

Diese Phase beginnt erst ab 16 Jahren. In dieser Phase können die Symbole von ihrem Inhalt getrennt werden. In dieser Phase gibt der Inhalt den Sinn und nicht mehr die Symbolik.

5. Entwicklungsphase (nachkritisches Verstehen):

Der Mensch kann „… sowohl seine kindlichen magischen-numinosen Anteile zulassen als auch die Entmythologischen in Angriff nehmen.“

(Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 221)

Die ersten beiden Entwicklungsphasen werden von allen Menschen im Laufe ihrer Entwicklung durchlaufen, jedoch kommen viele Menschen nicht über der Phase des wörtlichen Verständnisses hinaus. Auch viele Gruppen und Sekten sind in diesen beiden Phasen stehengeblieben. Zum Beispiel lassen die Zeugen Jehovas nur das eindimensional-wörtliche Verständnis der Bibel zu.

Die Sekten bieten ihren jeweiligen Anhängern die Möglichkeit, ihre infantile Religiosität zu leben.

„Dabei erhalten die Sektenmitglieder in einem Prozeß der Selbstentledigung…, der Unterordnung unter einem Führer, Gründer, Leitende Körperschaft oder Prophetin, durch Eintauchen und Verschmelzen mit ihrem Ich-Ideal eine neue Identität. Die Sektenidentität läßt sie teilhaben am omnipotenten Führer, Prophetin oder Meister. Dadurch gehören sie zur Elite, die nichts geringeres, als diese vom Untergang bedrohte Welt retten wird.“

(Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 221)

Bei den Kindern kann in diesem Bereich auch keine Entwicklung stattfinden, da sie erzogen werden von Erwachsenen, die ihre eigene Identität an die Gruppe abgegeben haben. Den Kindern aus den Sekten werden nicht nur Bildungschancen vorenthalten, der Aufbau der Beziehung zu ihren Eltern erschwert oder gar verwehrt, sondern auch sie werden in ihrer emotionalen Entwicklung behindert. Es kann sein, daß sie über das emotionale Entwicklungsniveau von Grundschulkindern,

„… bei Beibehaltung aller kognitiven Fähigkeiten“ nicht hinaus wachsen. „Dies gilt mit Sicherheit für den religionspsychologischen Aspekt. Ist aber auch für den entwicklungspsychologischen Aspekt anzunehmen.“

(Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 222)

Die Kinder wachsen in einer Sekte in einem geschlossenen Sozialsystem auf, was die Entwicklung der Kinder zur Autonomie stark verhindert. Bei diesen Kindern hängt das Selbstwertgefühl von der Teilhabe am „kollektiven Ich“, der Sektenidentität, ab. Diese Sektenidentität hängt wiederum von dem Über-Ich ab, das in Sekten verkörpert wird durch den jeweiligen Führer.

Eine Ablösung vom Elternhaus ist nur möglich, wenn sich das Kind bzw. der Jugendliche von der Sekte trennt. Dieses produziert bei dem Jugendlichen eine psychische Konstellation, die zu schweren inneren Konflikten führen kann.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, daß die Kinder, die in die Sekte hineingeboren wurden, die 2. Generation, nie ein anderes Leben kennenlernen durfte. Diese Kinder sind zum Teil nicht in der Lage, eine eigene Identität zu bilden. Sie definieren sich ausschließlich über das Kollektiv.

„Bei der zweiten Generation handelt es sich also nicht um einen Prozeß der Selbstentledigung, sondern um einen Prozeß der Verhinderung von Selbstfindung, es handelt sich um eine systematische Kollektivierung dieses Vorgangs, so daß aus einem Indentitätsfindungsprozeß ein `Kollektivfindungsprozeß´ wird. Auf dem Wege zu Identität können diese Kinder oftmals nur die Gruppenidentität finden. Alle anderen Wege bleiben ihnen verschlossen.“

(Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 223f)

Kurt Helmuth Eimuth kommt in seinen Betrachtungen zu folgendem Ergebnis: Die Entwicklungen von „Sekten-Kindern“ zu autonomen Persönlichkeiten darf nicht stattfinden. Diese Kinder werden in ihrer Entwicklung behindert, manipuliert und kontrolliert. Er nennt dieses System eine „Psychische Kindesmißhandlung“. (Vgl. Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 224)

Alle Zitate und Vergleiche aus:

Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997 S. 220 -224

Folgen des frühen Auditings

L. Ron Hubbard gibt Anweisung, Auditing mit Kindern ab acht Jahren durchzuführen. Dies kann zu einer starken Überforderung der Kinder führen, da z.B. Erinnerungen an die eigene Geburt bzw. an vorherige Leben zusätzlich zu dem Alltag eines scientologischen Kindes gehören. Wenn ich mir überlege, welche Überforderung bei einem erwachsenen Menschen durch die eigenen Gefühle und Gedanken entstehen, und diese für Erwachsene kaum zu verarbeiten sind, ist dieses für ein Kind um so schwerer zu verstehen, bzw. zu bewältigen.

In dem Buch „Die Sekten-Kinder“ von Kurt- Helmuth Eimuth beschreibt eine Ex-Scientologin die Erfahrungen mit ihrem eigenen Sohn.

„Zurück bleibt ein verstörtes, anpassungsunfähiges Kind, das Furcht hat, sich selbst kennenzulernen. Sie laufen u.U. mit einem übertriebenem Schuldkomplex herum, in der Vergangenheit wurden ja Verbrechen begangen, diese immer wieder anzuschauen (konfrontieren), um sie zum Verlöschen zu bringen und eine Erkenntnis daraus zu ziehen, dürfte dem Vorspielen eines endlosen Horror-Filmes gleichkommen.“ (Sonntag-Kuntze, U.S;. Ausarbeitung über die gefahren, die bei dem Kontakt zwischen Scientologen und Kindern entstehen können, Schriftsatz ohne Jahr, S. 16; zitiert nach: Eimuth, Kurt-Helmuth, 1997, s.o. ; S. 77)

Nach Kurt-Helmuth Eimuth verhindern die Erinnerung, das Auditing und das Konfrontieren die Identitätsbildung bei den Kindern, die mit der scientologischen Ideologie aufwachsen müssen.

„Es ist jedoch augenscheinlich, dass eine Entwicklung zur eigenen Urteilsfähigkeit, zur alleinigen Entscheidung unmöglich gemacht wird. Ja es ist sogar zu vermuten, dass ähnlich, wie bei erwachsenen Mitgliedern, es massive Identitätsprobleme bis hin zur Identitätsvermischung mit pathogenen Zügen gibt.“(Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997, S.77f)

Weiter sieht er bestimmte Indikatoren für die Identitätsprobleme bei den Kindern. Diese sind u.a.: Der Kommunikationskurs, der absolute genormte Verhaltensmuster von einem Kind abverlangt, das Auditing, die scientologische Kunstsprache, die Arbeit von Kindern für die Org bzw. Scientology und die fehlende Zeit der Eltern sich um die Bedürfnisse, besonders die emotionellen, durch ihre eigenen Aktivitäten und den vorgeschriebenen Umgang mit dem Kind haben, zu kümmern. Außerdem entwickeln sich die Kinder zu Außenseitern in der „normalen Welt“.(4Vgl.: Eimuth, Kurt-Helmuth, Die Sekten-Kinder, 2. Aufl., Freiburg, Basel, Wien, 1997, S. 78 – 83) Durch dieses „außenstehen“ der Kinder werden sie immer enger in die scientologische Gedankenwelt hineinkatapultiert.

Auch der Verfassungsschutz Baden Württemberg beschreibt, dass es beim Auditing mit Kindern zu belastenden Situationen kommen kann.

„Hier ein „Auditing“ an einem kleinen Mädchen:

„(Auditor): ‚Wenn ein Flugzeug um 2 Uhr nachmittags in 3.000 Meter Höhe fliegt und um 3 Uhr nachmittags in 1.500 Meter Höhe, wie tief würde ein Mensch um 3 Uhr fallen, bis er den Erdboden erreichen würde?‘

(Kind): ‚Ach du liebe Güte! Das weiß es nicht… Es ist wirklich ein Problem. (…)‘

(Auditor): ‚Ist es so, dass es nur das Problem ist, was dich bedrückt?‘

(Kind): ‚Ich glaube ja.‘

(Auditor): ‚Spricht jemand hier je über Probleme?‘

(Kind): ‚Nun, vielleicht könnte Mama darüber sprechen, eine Menge Probleme zu haben.‘

(Auditor): ‚Hat irgendjemand dich je ein Problem genannt?‘

(Kind): ‚Nun, vielleicht könnte Mama darüber sprechen, eine Menge Probleme zu haben.‘

(Auditor): ‚Wer könnte dich ein Problem nennen?‘

(Kind): ‚Nun, vielleicht Mama.'“ [ „Kinder-Dianetik“, S. 76 ]

„Erfolg“ dieser Sitzung sei angeblich gewesen, Rechenschwierigkeiten bei dem Kind beseitigt zu haben. Hier stellt sich auch die Frage, ob nicht durch manipulative Fragen durch den Auditor eine bestimmte Antwort herbeigeführt wurde. Aus derselben Quelle stammt folgendes „Auditing“-Protokoll über einen 10-jährigen Jungen namens Bobby. Das Kind empfand das „Auditing“ offenkundig als quälend:

„(Auditor): ‚Gibt es einen Unterschied zwischen wehtun und sich gut anfühlen?‘

(Bobby): ‚Es gibt einen.‘

(Auditor): ‚Magst du es gern, wenn dir wehgetan wird?‘

(Bobby): ‚Mag nicht, dass mir weh getan wird (…).‘ Es drückt hier (zeigt auf eine Stelle am Bauch.)

(Auditor): ‚Wo drückt es noch?‘

(Bobby): ‚Überall, es drückt überall. Es tut weh. Ich schlafe.‘

(Auditor): ‚Was würde passieren, wenn du aufwachen würdest?‘

(Bobby): ‚Etwas wird passieren.‘

(Auditor): ‚Ist ,etwas‘ gut oder schlecht?‘

(Bobby): ‚Es ist gut. Etwas würde passieren.‘ (Fängt an zu weinen.) ‚Etwas Gutes wird passieren.‘ (Weint wieder.) (…)

(Auditor): ‚Welches Wort ist dasselbe wie tot?‘

(Bobby): ‚Etwas ist dasselbe wie tot. Etwas ist gefährlich.‘

(Auditor): ‚Was ist dasselbe wie gefährlich?‘

(Bobby): ‚Bobby ging in die Hölle.‘

(Auditor): ‚Was ist dasselbe wie ,Bobby ging in die Hölle‘?‘ (…)

(Bobby): ‚Geh zur Hölle geh zur Hölle.‘

(Auditor): ‚Welches Wort ist dasselbe wie tot? (…) Sag mehr. (…) Was ist ,geh zur Hölle‘?‘

(Bobby): ‚Aaa-ha-ha!‘

(Auditor): ‚Ist das Weinen?‘

(Bobby): (Keine Antwort) (…)“ [ „Kinder-Dianetik“, S.158ff. ]

Ergebnis dieses längeren Auditing sei angeblich die „Erkenntnis“ gewesen, dass die Mutter zu ihrem Jungen etwas wie „geh zur Hölle“ gesagt haben soll. Es stellt sich auch die Frage, ob sich der Junge in einem hypnoiden Zustand befand.

Dass derartige Methoden die behauptete „frische Herangehensweise“ für „das Aufziehen von Kindern“ sein sollen und gar „die Liebe und den Respekt eines Kindes“ erzeugen würden, trägt Scientology natürlich nicht in die Öffentlichkeit. Seit der Aufzeichnung dieser Protokolle dürfte sich an den Praktiken der SO nichts Wesentliches geändert haben. Das zeigt auch der Erfahrungsbericht einer 17-Jährigen, die von ihrer scientologischen Nachhilfelehrerin zum „Auditing“ überredet wurde. Anlass des „Auditing“ war die von der jungen Frau als besonders belastend empfundene Trennung von ihrem Freund. Das Prozedere beschrieb sie wie folgt:

„Immer und immer wieder musste ich die Geschichte wiederholen. Dutzende Male. Bis ich nicht mehr konnte. Das war unglaublich schlimm für mich, so schlimm, dass ich in Tränen ausbrach. Danach habe ich mich geweigert, jemals wieder zum Auditing zu gehen.“ [ „Ausgepresst wie eine Zitrone“, Focus-Schule Nr. 5/2006. ]“

Verfassungsschutz BW „Psychische und gesundheitliche Risiken für Kinder in der SO“

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